Berlin : Graffiti: Großer Schaden, blühende Geschäfte

Farben für Kunst und Vandalismus – ein Blick in die Regale von Sprayer-Läden

Henning Onken

Illegale Graffiti verursachen in Berlin jährlich Schäden in Millionenhöhe, aber es gibt Firmen, die davon profitieren. Etliche Läden in Berlin verdienen viel Geld mit speziell auf die Bedürfnisse der Sprayer abgestimmten Sprühfarben. „Die Zeit ist reif, sich mit den Herstellern von Spraydosen auseinander zu setzen“, sagt deshalb Karl Hennig, Vorsitzender des Vereins Nofitti, der in Berlin gegen Graffiti mobil macht. Der Farbindustrie sei egal, wie giftig ihre Aerosol-Farben seien – auch, dass diese immer hartnäckiger hafteten.

Im Overkill, einem kleinen Graffiti-Laden am Schlesischen Tor stapeln sich die „Cans“ bis an die Decke, bunte Etiketten mit Graffiti-Logos von Szenegrößen zeigen, wofür die Dosen gedacht sind. Die Verkäufer geben die Ware nur mit Gummihandschuhen heraus, um Fingerabdrücke zu vermeiden. Könnte ja sein, dass ein Kunde bei einer illegalen Aktion erwischt wird. Trotzdem hält Graffiti-Gegner Hennig wenig von Verkaufsverboten bei Aerosol-Farben. Die Graffiti-Läden in der Stadt seien nur ein kleiner Teil des Problems, das Geschäft mit Spraydosen werde vor allem im Internet gemacht. Henning schlägt eine Sonderabgabe für Hersteller vor, wie beim Dosenpfand. Bislang aber hat er kaum politische Zustimmung gefunden. Zumal, da nach einem entsprechenden Beschluss des Bundestags seit Juli härtere Sanktionen gegen Sprayer möglich sind.

Scheinbar ungerührt entwickeln Sprühdosenhersteller immer neue Farben: Inzwischen bieten sie bis zu 180 Farbtöne an – mit unterschiedlicher Deck- und Haftungsfähigkeit. Und Marken wie Bombers Best oder Belton Molotow verbergen kaum, welche Zielgruppe sie suchen: So zeigt eine Molotow-Werbung eine Gleisanlage bei Nacht, in der eintönig hell lackierte S-Bahnen hinter mit Nato-Draht gesicherten Zäunen parken. „Molotow makes your ideas work – partners in crime“, heißt es; und die hauseigenen Spraydosen sind verlockend mit ins Bild gerückt. Hinter der großen Menge von auf Sprayerbedürfnisse abgestimmten Aerosol-Farben stehen nur wenige Hersteller: etwa die Peter Kwasny GmbH aus Deutschland. Die Firmen streiten aber ab, für illegale Graffiti zu produzieren. Man liefere an „die internationale Automobilindustrie und den ambitionierten Heimwerker“, heißt es bei Kwasny. Tatsächlich genießt die Firma einen Ruf als innovativer Hersteller von Autolacken. Kollektionen wie Bombers Best sind Auftragsarbeiten, entwickelt auf Kunden-Wunsch.

Für den Verband der deutschen Lackindustrie sind Aerosol-Farben „ein Nischenprodukt“, das 2004 etwa 3,7 Prozent des Inlandverbrauchs an Farben und Lacken ausmachte. Von den 171 Mitgliedsfirmen verdienen immerhin 14 Unternehmen ihr Geld nur mit der Herstellung von Anti-Graffiti-Beschichtungen.

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