Graffiti : S-Bahn-Chaos lockt die Sprayer an

31.07.2009 00:00 UhrVon André Görke
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Ärgernis. Rund 5,5 Millionen Euro muss die S-Bahn jährlich für die Reinigung von Zügen ausgeben, die von Sprühern beschmiert wurden. - Foto: ddp

Die Bundespolizei hat schon mehr als 400 Graffiti-Straftaten registriert Sogar am Tag wird geschmiert – weil auf Bahnhöfen und Gleisen nichts los ist.

BerlinSeit exakt einem Monat regiert bei der S-Bahn das Chaos. Und seitdem gilt Berlin als „Schlaraffenland für Sprüher“, heißt es in der Graffiti-Szene. Die S-Bahnsteige sind leer, die Züge – und somit mögliche Zeugen – rollen gar nicht oder nur selten vorbei. Und die Chance, dass ein beschmierter Zug ungewaschen das S-Bahn-Depot verlasse, sei höher als an normalen Tagen – weil die anderen Züge in der Werkstatt sind. Fahrplan gehe in diesen Tagen notgedrungen vor Schönheit, heißt es bei der S-Bahn, „leider“.

In diesem Monat wurden laut Bundespolizei schon wieder mehr als 400 Graffiti-Straftaten registriert.

Mit Beginn der Sommer- und Semesterferien steige die Graffiti-Kriminalität stets an, berichten S-Bahn und auch Bundespolizei. Die aktuelle Ruhe bei der S-Bahn habe die Arbeit „nicht gerade erleichtert“.

Die S-Bahn muss vermehrt Sicherheitskräfte einsetzen, um tote Gleise und Bahnhöfe zu schützen. Auch die Fahnder des LKA und der Bundespolizei sind stadtweit im Einsatz: Erst vorgestern wurden zwei Kinder in Zehlendorf erwischt, wie sie um 18.20 Uhr – am helllichten Tag – zwei Wagen der S-Bahn auf einer Fläche von 60 Quadratmetern besprühten. Und am sonst so belebten S-Bahnhof Westkreuz traute sich ein Pole, mal eben minutenlang einen Zug großflächig mit Graffiti zu besprühen. Tatzeit: 17 Uhr. Normalerweise ist dies die Zeit des belebten Berufsverkehrs, mit tausenden Fahrgästen.

Die Polizisten sind in den warmen Wochen verstärkt im Einsatz, derzeit vor allem mit Zivilstreifen an den S-Bahnabstellanlagen, „wo ja besonders viele Züge stehen“. Aber auch die Gleise an den Stadträndern werden überwacht, in der Nacht mit Hubschraubern, die mit Wärmebildkameras das Gleisbett filmen. Oft mit Erfolg: Sowohl die zwei Kinder in Zehlendorf als auch der polnische Graffiti-Tourist – plus einen weiteren, bereits registrierten Täter – konnte die Polizei festnehmen. Für die Sachbeschädigung der Kinder müssen die Eltern aufkommen.

Bei Berlins Graffiti-Fahndern gehen jährlich 15 000 Anzeigen ein, die Zahlen sinken leicht, auch die bei der S-Bahn. Doch die Fahnder registrieren vermehrt Taten von Sprühern aus dem Ausland: „Berlin ist eines der Zentren der Graffiti-Kriminalität in Europa geworden.“ Viele internationale Sprüher werden in einer Woche anreisen: Nahe Ostbahnhof in Friedrichshain findet ein populäres Hip-Hop-Festival statt mit Graffiti-Wettkämpfen statt. Erwartet werden mehr als 3000 Besucher. Der Festivalname lautet „Graffitibox Summer Jam“; die Seite www.graffitibox.de ist eine der wichtigsten der Szene. Dennoch gilt dieses Fest, auch laut Polizei, eher als kreativ-legaler Graffiti-Treff. Nach Angaben von Fahndern besteht die Szene in Berlin aus 1000 jungen Männern. 150 bilden den harten Kern und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück: Vor einer Woche konnte die Polizei einen 18-jährigen Graffiti-Schmierer ermitteln, der am 4. Februar einen Zeugen am S-Bahnhof Spandau mit einem Totschläger niedergeprügelt hatte.

Die Sicherheitskräfte weisen aber auch auf die Gefahr von Stromschlägen hin. Denn nicht nur Sprüher werden von – vermeintlich – stillen Gleisen angelockt, sondern auch Kinder. Sie verwechseln das Gleis mit einem Abenteuerspielplatz. André Görke

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