Berlin : Graffitis: Farbsprüher sind die Angeschmierten

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Am Rathaus Wannsee an der Ecke Königstraße /Chausseestraße bietet sich zurzeit ein ungewohntes Bild: Arbeiter in roten Overalls, mit roten Schirmmützen und ausgestattet mit Schutzbrillen entfernen Graffiti vom Backsteingebäude. Auf ihren gelben Regenjacken prangt "IB". Das steht für "Internationaler Bund", einen freien Träger der Jugend-, Sozial und Bildungsarbeit, der seit sechs Jahren das ABM-Projekt "Hauptstadtreinigung" durchführt - und zum ersten Mal mit 17 Leuten, überwiegend Langzeitarbeitslosen, öffentliche Gebäude in Zehlendorf säubert. Gestern stellte sich das Projekt in Aktion vor.

Zuerst tragen die ABM-Kräfte das Lösungsmittel Dekanteminol mit Pinseln auf. Ganz ungefährlich ist die Sache nicht. "Wenn man das in die Augen bekommt und nicht gleich auswäscht, kann man blind werden", sagt Michael Lehmann, ein 36-jähriger Maler aus Steglitz, der vor diesem Projekt fast ein Jahr lang arbeitslos war. "Graffitti entfernen ist ja eigentlich das Gegenteil von malern", sagt er, "aber dafür ist die Arbeit nicht so schwer wie auf dem Bau." Das Lösungsmittel muss 20 Minuten auf die Fassade einwirken. Während dieser Zeit harken die Männer das Laub im Garten zusammen. Dann wird das Lösungsmittel samt Spray-Farben abgewaschen und in eine fahrbare Tonne gesaugt, damit nichts in den Boden sickert. Bei ganz hartnäckigen Verschmutzungen helfen die Männer mit harten Bürsten nach. Nach der Trocknung wird die Anti-Graffiti-Beschichtung aufgetragen.

Etwa 14 Tage dauert die Säuberung des Alten Rathauses, in dem sich eine Kita und ein Jugendfreizeitheim befinden. Vorher haben die IB-Kräfte die John-F.-Kennedy-Schule bearbeitet. "Hier sind natürlich nicht so viele Schmierereien wie in Kreuzberg", sagt Projektleiter Hans Samberg, "aber auch in Zehlendorf gibt es immer mehr Graffiti." Das Ziel ist, die Arbeitslosen, die als ABMler 2500 Mark brutto verdienen, in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln - in Reinigungs- oder Baufirmen. "Das schaffen wir leider nur bei den wenigsten", räumt Samberg ein. Die meisten seien ohne Ausbildung, viele über 45 und deshalb schwer vermittelbar.

Über Mangel an Aufträgen können sich die Leute nicht beklagen. Das überwiegend vom Arbeitsamt Süd-West bezahlte Projekt beseitigt auch in Kreuzberg, Schöneberg, Steglitz und Wilmersdorf Farbe und wilde Plakatierungen. Eine Privatfirma würde 100 bis 160 Mark je Quadratmeter nehmen. Das ist zu teuer für die Bezirke. Samberg: "Was wir nicht machen, bleibt liegen."

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