Berlin : Grand Prix: Allemagne douze points

Matthias Oloew

Ohne Zeremonienmeister geht es nicht. Den hat es bislang noch bei jeder Party gegeben. Das ist ein anstrengender Job. Denn er muss Listen führen, Punkte notieren und Wertungen abfragen. Nicht einmal, nein, nach jedem Lied. Da sind dann einige Minuten Zeit und jeder in der trauten Runde vor dem Fernseher muss blitzschnell seine Punkte vergeben. Natürlich nach dem strengen Reglement der Wettbewerbs: Zwölf als Höchstwertung, danach zehn, acht und dann sieben, sechs, fünf ... Der Zeremonienmeister hat alle Hände voll zu tun, zur Fernseh-Party am Abend des Schlagerwettbewerbs Grand Prix.

Anton Wiedemann ist gerne Zeremonienmeister. Nicht nur, weil er Jahr für Jahr immer die gleichen Leute zu seiner privaten Grand-Prix-Party einlädt und gerne für sie da ist, sondern auch, weil er ein Faible dafür hat, die Statistiken zu führen. Er hat es schwarz auf weiß: Wer seiner Freunde hat für Österreich gestimmt? Wer vergibt die höchste Punktzahl für Finnland? Alle Wertungen seiner Freunde und das Endergebnis hat er in seinem Aktenordner. Nur auf den tatsächlichen Gewinner des Grand Prix hat die Runde noch nie getippt.

Die Runde, das ist das so genannte Plattencafé, ein lockerer Freundeskreis musikbegeisterter Herren, die allesamt die leichte Muse mögen. "Schlager", sagt Anton Wiedemann, "was ist das schon?" Diese Ahnungslosigkeit ist natürlich nur gespielt. Denn er hat allein über 7000 Singles im Regal. "Für mich ist Schlager auch der leichte Popsong", erklärt er, die Grenzen seien fließend, "und hören vielleicht beim Rock auf." Also findet sich in seiner Plattensammlung nicht nur Nicole oder Christian Anders, sondern auch der Culture Club.

Peter Hedenström macht es wie Anton Wiedemann. Auch er sammelt seine CDs in den Getränkekartons von Aldi oder Plus. Das sieht nicht schön aus, aber die Cover passen da genau hinein, inklusive der Schutzhülle aus Plastik, versteht sich. Auch Hedenström ist ein Fan des Grand Prix, aber seine Sammel-Leidenschaft konzentriert sich nicht allein auf den Schlager. Er liebt zum Beispiel die Motown-Platten und legt seine Schätze regelmäßig im SO 36 auf. Eine Ausnahme. Denn der Buchhändler mag eigentlich keine Partys. Massenaufläufe sind auch Anton Wiedemann zuwider. Deshalb sitzen die beiden beim Grand Prix auch lieber zu Hause vor dem Fernseher, mit zehn, zwölf weiteren Freunden, anstatt auf eine der vielen großen Partys zu gehen.

Denn der Grand Prix ist den Herren viel zu wichtig. Während die Sänger ihre Lieder zu Gehör bringen, darf zum Beispiel nicht gesprochen werden. "Da wird jeder angezischelt, der zuviel plappert", sagt Hedenström: "Uns geht es ernsthaft um die Musik, wir wollen sie hören und wir wollen sehen, wie die Sänger ihren Auftritt absolvieren." Ist der vorbei, geht das Geschnatter der Fans vorm Fernseher los und natürlich die Punktevergabe, die der Zeremonienmeister aufschreibt. Danach, pünktlich zu Beginn der nächsten Nummer, muss wieder Ruhe sein.

So ernst, wie die in den Grand-Prix-Fanclubs organisierten Enthusiasten, nehmen es die beiden Schlagerfreunde dann aber doch nicht. "Die wollen ein Art politische Lobbyarbeit für die Sendung", erzählt Anton Wiedemann, "das geht dann doch zu weit." Deshalb vergibt die Runde nicht nur ernsthafte Wertungspunkte für Musik und Darbietung, sondern zum Beispiel auch den "Nudelpunkt". Soll heißen: Welcher Sänger war besonders attraktiv, welcher Hintergrund-Chor auffallend hübsch? Den Herren des Plattencafés ist nämlich nicht nur gemein, dass sie Schlager mögen, sondern auch, dass sie schwul sind.

Das könnte ein Grund dafür sein, warum sie Guildo Horn und Stefan Raab nicht mögen. Peter Hedenström: "Das war doch grauenhaft". Trotzdem gestehen sie den Blödelbarden neidlos zu, dass sie den Grand Prix in Deutschland wieder populär gemacht haben. Aber mit dem Schlagerrevival, den "Hossa-Hossa"-Rufen auf ausgelassenen Partys, haben sie nichts gemein. "Deshalb hoffen wir, dass Michelle für Deutschland auf einem vorderen Platz landet", erklärt Hedenström und schmunzelt. Nicht, weil das Lied so toll wäre, nein, nein, "das ist schrecklich", befindet Wiedemann. Aber es sei doch an der Zeit, dem Schlagerfestival auch hierzulande ein bisschen etwas von der Ernsthaftigkeit zurück zu geben, die der Grand Prix zum Beispiel in den nordischen Ländern genießt.

Der Sonnabend wird also wieder ein Festtag. "Wir sind dann schon ganz aufgeregt", erklärt Anton Wiedemann mit großen Augen. Und das, obwohl er schon via Internet und mittels Videomitschnitten von den nationalen Vorausscheidungen alle Teilnehmer und ihre Lieder gehört hat und der Überraschungseffekt für ihn nicht mehr zählt. Aber deshalb ist sein Tipp womöglich Gold wert: "Sieger wird Bosnien-Herzegowina".

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