Graphic Days im Kater Holzig : Wundertüte aus der Musenstube

Am Freitag und Sonnabend finden zum zweiten mal die Berlin Graphic Days im Kater Holzig statt. Künstler und Verleger zeigen neue Arbeiten - darunter auch Annette Köhn vom Jaja-Verlag, der mit einem so vielfältigen wie originellen Programm beeindruckt.

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In Neukölln zu Hause: Annette Köhn in ihrem Ladenatelier "Musenstube".
In Neukölln zu Hause: Annette Köhn in ihrem Ladenatelier "Musenstube".Foto: Georg Moritz

Die Musen warteten schon. Vor sieben Jahren suchte die Grafikdesignerin Annette Köhn einen Gewerberaum, um ein Gemeinschaftsatelier zu eröffnen. Sie hatte genug davon, alleine zu Hause am Zeichentisch zu sitzen. „Musenstube“ sollte es heißen. Als sie die Ladenwohnung in der Tellstraße 2 im Neuköllner Reuterkiez fand, konnte sie schon an der Fassade erkennen, dass dies der richtige Ort war: Reliefs von tanzenden und musizierenden Frauen zieren das Haus, ein Ort wie geschaffen für die Kunst.

Darunter lädt seitdem ein buntes Schaufenster mit Büchern, Grafiken und Kunsthandwerk dazu ein, das Schaffen von Köhn und anderen Kreativen zu entdecken. Die Musenstube, die sie sich mit sieben Künstlern teilt, ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist das Eingangstor in eine Welt voller Bilder, Ideen und Geschichten.

„Die bring ich jetzt groß raus.“

Vor allem, seitdem die heute 37-Jährige vor zwei Jahren den Jaja-Verlag gründete. „Das war schon lange ein Traum“, erzählt die gebürtige Erlangerin bei einem Kaffee auf der selbst gezimmerten Sitzbank vor der Musenstube. Auf Festivals traf sie immer wieder junge Zeichner, die tolle Arbeiten in der Schublade hatten. Sie beschloss: „Die bring ich jetzt groß raus.“

Ein Bausparvertrag war das Startkapital, das Büchlein „Adagio“ ihrer damaligen Atelier-Kollegin Maki Shimizu die erste Veröffentlichung. Auf 80 Comic-Seiten erzählt die aus Japan stammende Zeichnerin darin anhand einer menschelnden Katze, wie es sich anfühlt, als freischaffende Künstlerin in Berlin zu leben – inklusive zahlreicher charmanter Episoden, die in der Musenstube spielen.

Die ersten Strips entstanden heimlich

Mehr als 30 Bücher und Hefte hat der Jaja-Verlag inzwischen veröffentlicht – eine beachtliche Zahl für ein neues, kleines Unternehmen. Wer sie sich in Ruhe anschauen will, kann das in der Musenstube, die an den meisten Wochentagen zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet ist. Oder auf den Berlin Graphic Days, einem Festival für Zeichner, Illustratoren und Street-Art-Künstler, das an diesem Freitag und Sonnabend im „Kater Holzig“ am Kreuzberger Spreeufer stattfindet.

Mit dem ABC durch Berlin: Eine Seite aus einem der Bestseller des Jaja-Verlages.
Mit dem ABC durch Berlin: Eine Seite aus einem der Bestseller des Jaja-Verlages.Foto: Jaja

Rund 100 Aussteller präsentieren dort ihre Arbeiten und geben einen guten Überblick über diese schnell wachsende Szene der Grafiker, Illustratoren, Siebdrucker und Künstler im Grenzbereich zwischen Kunst und Literatur, für die Berlin eine Hochburg ist. Das wird auch durch Veranstaltungen wie die Illustrative deutlich, ein noch stärker auf Kunstillustrationen ausgerichtetes Festival, das vom 31. August bis zum 8. September im Direktorenhaus Am Krögel 2 in Mitte stattfindet.

Parallel zu ihrer Arbeit als Verlegerin gestaltet Annette Köhn Broschüren und Poster für Kulturprojekte und Sozialeinrichtungen, auch ein Kunstprojekt mit Schülern der Rütli-Schule gleich um die Ecke hat sie schon gemacht. Ihre Leidenschaft gehört aber dem Comic. Schon als Jugendliche hat sie heimlich unter der Schulbank Strips gezeichnet, in denen unliebsame Mitschüler auf vielfältige Weise zu Tode kamen. Da war das Diplom in Grafikdesign in der Kunsthochschule Weißensee vor acht Jahren nur eine logische Konsequenz.

Science-Fiction, Koch- und Kinderbücher, Graphic Novels

Köhns Verlagsprogramm erinnert an eine Wundertüte: Es gibt souverän gezeichnete Graphic Novels wie „Hinter den sieben Burgen“ über die Erfahrungen als Freiwilliger in einem rumänischen Waisenhaus. Originell illustrierte Kochhefte wie „Einfach lecker essen“. Kunstvolle Science-Fiction-Geschichten wie „Kazka – The Black Ship“ oder „Cocobug“. Und kreative Kinderbücher wie die aus genähten Bildern zusammengefügte Erzählung „Entschuldigung, wer wohnt denn hier?“ oder das zum Mitzeichnen und Entdecken anregende „Mit dem ABC durch Berlin“. Zentrales Auswahlkriterium der Verlegerin: „Es muss mir gefallen.“ Die steigenden Verkaufszahlen und guten Kritiken legen nahe, dass das auch einer wachsenden Leserzahl so geht.

Science-Fiction-Action-Komödie: Eine Doppelseite aus "Kazka - The Black Ship".
Science-Fiction-Action-Komödie: Eine Doppelseite aus "Kazka - The Black Ship".Foto: Jaja-Verlag

An Kinder – und Drachenliebhaber – richtet sich ein neues Buch, in das die Künstlerin derzeit viel Arbeit steckt: In ihrer gezeichneten Erzählung „Leto – Reise in die Halong-Bucht“ schildert Köhn die Abenteuer eines europäischen Drachen in Vietnam. Die Inspiration holte sie sich 2012 bei einer Vietnamreise. Und das Geld im Internet: Auf einer Crowdfunding-Seite, über die Kunstprojekte Unterstützer suchen, kamen 1500 Euro zusammen. Noch so ein Zeichen, dass die Musen auf ihrer Seite sind.

Berlin Graphic Days, 23. und 24. August im Kater Holzig, Michaelkirchstr. 23, Kreuzberg, 14–21 Uhr, Eintritt 3 Euro. Mehr dazu hier. Mehr über die Musenstube hier: www.musenstube.de. Und mehr über den Jaja-Verlag hier: www.jajaverlag.com

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