Berlin : Gras drüber

Gerd Nowakowski

Berlin steht zu seinen Traditionen. Wir lassen einfach Gras drüber wachsen. Nein, ausnahmsweise sprechen wir mal nicht vom Umgang mit politischen Skandalen in dieser Stadt. Was die Trümmerfrauen nach dem Krieg entsorgten, wurde aufgehäuft und bekam eine grüne Scholle oben drauf. Der Teufelsberg lässt grüßen. Nun setzt die Hauptstadt wieder auf das gnädige Grün des Vergessens, diesmal beim ehemaligen Palast der Republik. Über der Betonwanne, die übrig bleiben wird, soll es hölzerne Stege geben und Wiesengrün. Unterm Pflaster liegt dann nicht mehr der Strand, wie die alte Sponti-Weisheit wissen wollte, sondern unterm Rasen ruht der Palast. Ein wenig spannungsarm wirkt das Grün-Konzept dann doch – verglichen etwa mit dem strahlend-fantastischen Entwurf einer temporären Kunsthalle oder einem verrätselten Strauchlabyrinth. Letzteres wäre ein Sinnbild für die verschlungenen Pfade zum Schloss-Neubau gewesen. Der Palastabriss wird zudem erheblich teurer und dauert weit länger; Holzstege und Rasen gibt es deshalb erst im Sommer 2008. Das ist eigentlich fast ein Skandal. Gras drüber.

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