Berlin : Grausiger Leichenfund: Verwesungsgeruch im ganzen Haus

W. Schmidt,C. Wergin

Eigentlich wollten die Möbelpacker nur, wie vom Gerichtsvollzieher angeordnet, die Wohnung in der Tegeler Schulstraße 12 räumen. Was sie dann aber zugedeckt auf einer alten Couch fanden, war Grauen erregend: Eine mumifizierte und teilweise skelettierte Tote. Ilse L. wohnte hier mit ihrem Sohn Frank. Diesen November wäre sie 76 Jahre alt geworden. Im April 1999 erzählte der Sohn im Haus, seine zuckerkranke Mutter sei gestorben. Was dann passierte, ist kaum zu glauben.

"Plötzlich begann es furchtbar zu stinken im Haus", sagt Robert Vucovi¿c, der das Gartenhaus als Hauswart betreut. "Es war der süßliche Geruch von verrottendem Fleisch", sagt Vucovi¿c, "wenn Sie das jemals gerochen haben, vergessen Sie es nie mehr." Der Geruch sei eindeutig aus der Wohnung von Ilse L. gekommen, in der ihr Sohn wohnte. "Wenn der mal vorbeikam, ließ er die Tür offen und lüftete durch, Sie können sich nicht vorstellen, was sich da zu uns nach oben ausbreitete", sagt Vucovi¿c. Dass es sich um die Leiche von Franks Mutter handelte, die auf der Couch verweste, daran hätten sie nicht gedacht. Schließlich war fünf Jahre vorher schon einmal der Kammerjäger gekommen und hatte die total vermüllte Wohnung von Ungeziefer gereinigt. Auch damals hatte es im ganzen Haus furchtbar gestunken. Zwölf Stunden hat Ilse L. damals auf einem Stuhl im Treppenhaus zugebracht, bis der Kammerjäger sie wieder in ihre Wohnung ließ. "Da habe ich sie zum letzten Mal gesehen", erzählt Vucovi¿c. Weil Ilse L. schwer krank und nicht beweglich war und sich ihr Sohn um sie kümmerte, überraschte es auch niemanden im Haus, dass man Frau L. weder hörte noch sah. Wegen des Geruchs habe Vucovi¿c immer wieder bei der Hausverwaltung Sorgertec angerufen. Nie sei etwas passiert. Irgendwann habe er dann entnervt aufgegeben.

Die Geschäftsführerin der Sorgertec, Sabine Schneider, bestreitet die Vorwürfe vehement. "Wir sind erst aufmerksam geworden, als ab September 1999 die Miete nicht mehr gezahlt wurde", sagt sie. Dies sei seit 1976, als Ilse L. einzog, noch nie passiert. Als man dann gehört habe, Ilse L. sei verstorben, habe man bei ihrem Sohn Frank einen Totenschein angefordert. Gemeldet hat er sich nie. Der eigentliche Skandal sei laut Schneider, dass seit der fristlosen Kündigung ein Jahr bis zum Räumungsurteil verstrichen sei. Manchmal könnte so etwas in Berlin auch anderthalb Jahre dauern.

Als der Gerichtvollzieher dann am Dienstag mit dem Räumungstitel der Hausverwaltung klingelt, öffnet ihm der 40-jährige Frank L. die Tür. Der Beamte verweist ihn der Wohnung und lässt ein neues Schloss einbauen - ohne zu ahnen, was die Möbelpacker am nächsten Tag finden würden. Seitdem ist Frank L. verschwunden.

Anfang nächster Woche soll ein Obduktionsbericht vorliegen. Hinweise auf einen gewaltsamen Tod gibt es bisher nicht. Ein Nachbar hat immer nur Schritte und den Fernseher gehört und sich keine Gedanken gemacht. "Wenn man so was in der Zeitung liest, denkt man immer: So was merkt man doch", sagt der junge Familienvater. "Jetzt stehen die Nachbarn natürlich saublöd da."

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