• Green Card für Köche: Hoteliers fordern mehr Arbeitskräfte, als der deutsche Arbeitsmarkt zu bieten hat

Berlin : Green Card für Köche: Hoteliers fordern mehr Arbeitskräfte, als der deutsche Arbeitsmarkt zu bieten hat

Jörn Hasselmann

Die Zahl der Berlin-Touristen steigt rasant, doch Hotels und Restaurants finden immer seltener Personal. Der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Jan Eder, und der Präsident des Hotelverbandes, Peter Härig, forderten gestern eine Green Card auch für Köche und Kellner. Derzeit sind 45 000 Menschen im Gastgewerbe beschäftigt, in einigen Jahren sollen es 75 000 sein. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten lehnte gestern die Green Card als "schlechten Scherz oder puren Zynismus" ab. Stattdessen müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden.

"Wer was kann, wird sofort vermittelt", heißt es dazu im Arbeitsamt. Im Adlon zum Beispiel sind 30 der 500 Stellen unbesetzt, sagte Hoteldirektor Jean van Daalen gestern. Vor allem Fachkräfte sucht das Crowne Plaza in der West-City. "Mein großer Wunsch sind Köche", sagte Hoteldirektorin Jutta Winkler. "Kellner auch, aber bei Kellnern kann man sich zur Not noch mit Studenten behelfen." Viele Bewerber würden wohl durch den Schichtdienst abgeschreckt, sagte die Direktorin. Sebastian Riesner von der Gewerkschaft NGG macht neben "familienfeindlichen Arbeitsbedingungen und miserablen Löhnen" auch "inkompetente Führungskräfte" für die Misere verantwortlich. Das Gewerbe habe die Situation selbst verschuldet: durch zu lange Arbeitszeiten und einer Bezahlung, die 500 Mark unter der in anderen Branchen liegt.

"Die Suche nach Leuten hat sich drastisch verschärft", berichtete der Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes, Karl Weißenborn gestern auf dem "Tag der Hotellerie" in der IHK. Die Industrie- und Handelskammer hat in einer Umfrage ermittelt, dass der Fachkräftemangel mittlerweile "mit weitem Abstand der häufigste Faktor ist, der die Geschäfte negativ beeinflusst". Deshalb sei eine Green Card, wie sie in für Computerexperten eingeführt wurde, der richtige Weg. "Wir müssen tüchtiges und qualifiziertes Personal überall anwerben können", sagte Jan Eder von der IHK.

"Zehntausende Arbeitslose sind registriert, und das Arbeitsamt vermittelt nach Baden-Württemberg", sagt Weißenborn. Hintergrund ist offenbar der Unwille vieler Brandenburger Arbeitsloser, in Berlin zu arbeiten. "Ältere Brandenburger sind zu wenig mobil", heißt es beim Arbeitsamt. "Die trauen sich nicht in die Großstadt", sagte eine Fachvermittlerin. Zum Jahreswechsel waren 27 800 Arbeitslose in der Branche registriert, 14830 in Berlin, der Rest in Brandenburg.

Um die Personallöcher zu stopfen, verlassen sich die Hoteliers nicht mehr alleine auf das Arbeitsamt. Am 30. Oktober veranstalten 23 Hotels aus dem oberen Sektor im "Westin Grand" an der Friedrichstraße wieder eine Stellenbörse, um Seiteneinsteiger anzulocken. "Wer mit Menschen umgehen kann und sprachgewandt ist, ist herzlich willkommen." Ein Hoteldirektor ergänzte: "Der kann gleich dableiben."

Am dringendsten werden Köche gesucht, bestätigt das Arbeitsamt - auch wenn die Behörde kaum noch eingeschaltet wird. "Bei denen läuft vieles über Headhunter", sagt Kathleen Neubert von der "Fachvermittlung Hotel- und Gastgewerbe". Die Betriebe würden sich in der gegnerischen Küche das Personal abwerben. Um ausgelernte Köche zu halten, zahlen praktisch alle Betriebe übertariflich, berichtet Weißenborn. Die IHK schreckte kürzlich auf, als ein Mitglied anrief: "Ich brauche in dieser Woche noch einen Koch, oder ich muss den Laden dicht machen."

Und das in einem rasant wachsenden Markt. Der Tourismus boomt, ebenso die Restaurants und Kneipen in der Innenstadt. Der Umsatz im Gastgewerbe stieg von 5 Milliarden Mark 1995 auf 7,7 Milliarden im vergangenen Jahr. Eine Studie der Bankgesellschaft Berlin erwartet, dass in einigen Jahren 16 Milliarden Mark erreicht werden.

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