Berlin : Gregor Gysi erklärt den Genossen die neue Linkspartei

Der PDS-Spitzenkandidat stellte sich der Parteibasis in Treptow-Köpenick vor

Sabine Beikler

Gysi ohne Koketterie? Das gibt es nicht. Der PDS-Spitzenkandidat, blaues Hemd, grauer Anzug, sitzt Mittwochabend vor 100 Parteigenossen im Technologie- und Gründerzentrum in Oberschöneweide und fängt „ausnahmsweise“, sagt er, erst einmal bei sich an. Hier im Berliner Südosten ist er der Basis noch eine Erklärung schuldig, warum er im Bezirk Treptow-Köpenick als Direktkandidat antritt. Jetzt aber geht es erst einmal um Gysis Welt. Die Erklärung kommt später.

„Es gibt viele Gründe, warum ich nicht mehr antreten wollte“, sagt Gregor Gysi mit verschwörerischer Miene, um gleich auf die Bitten seines Freundes Lothar Bisky zu kommen, er solle doch noch einmal antreten. Er spricht von seinem Lieblingsprojekt: von der Chance, eine Linkspartei „zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Bayern links von der Sozialdemokratie“ zu gründen. Gysi sieht sich mit Oskar Lafontaine als Architekt einer gesamtdeutschen Linken in Ost und West. Und er beginnt zu schwärmen von dieser Partei, die „auf der einen Seite links, auf der anderen Seite auch ostdeutsch“ sein soll. Dagegen hat niemand unter den vielen Genossen im Rentenalter Einwände.

„Keinen Millimeter von der ostdeutschen Kompetenz“ dürfe die PDS in einer solchen Linkspartei abgeben. „Das sage ich allen in der Wahlalternative“, betont Gysi. Und was den Namen eines Linksbündnisses betrifft: „Ich wünsche mir, dass das Wort ,sozialistisch‘ vorkommt“, sagt er. „Da vertraue ich auf Lothar.“ Zu dem Zeitpunkt weiß Gysi nicht, dass sein Freund Bisky zeitgleich vorschlägt, die PDS in „Linkspartei“ umzubennen – mit PDS als regional möglichen Zusatz. Vom Begriff „sozialistisch“ keine Spur.

Auf die gestörten Beziehungen zwischen der Berliner Wahlalternative und der PDS geht Gysi nicht ein und schwenkt auf den „neoliberalen Zeitgeist“ um, den er bekämpfen wolle. Er spricht von Alternativen der PDS zum Renten- oder Steuersystem. Nur wolle die leider niemand so richtig hören. „Noch nicht“, ergänzt er.

Und wieder kokettiert er mit seiner Person und der Lafontaines. „Wir machen das doch nicht, nur weil zwei ältere Herren nichts Besseres zu tun haben“, sagt er zur PDS-Basis und wirft noch ein bestimmtes „hm!“ hinterher. Die Genossen lachen. Vieles habe man schon erreicht: „Die SPD weist darauf hin, dass sie links ist, und die Grünen erklären, dass sie eine moderne, linke Partei sind“, betont er laut. Diese Vorstellung, treibender Motor für programmatische Veränderungen in den Parteien zu sein, gefällt Gysi.

Ach ja, Treptow-Köpenick: Gysi tritt dort an, weil er den Bezirk „reizvoll“ finde, selbst 20 Jahre lang dort gelebt hat, wie seine Mutter heute noch. Der „spannende Bezirk“ zwischen sozial gut gestellten Bürgern und vielen Arbeitslosen sei ein „Widerspruch“, der ihn motiviert. Ein Genosse bittet ihn um „ein Wort“ zum Großflughafen. In Treptow-Köpenick leben viele Flughafengegner. Das weiß Gysi, der hier als Wirtschaftssenator heftig ausgebuht wurde. Sich von Schönefeld zu verabschieden sei „zu spät“, sagt Gysi. Politisch sei der Standort Sperenberg nicht mehr durchsetzbar, jetzt werde „juristisch entschieden“. Unstrittig brauche Berlin aber einen Großflughafen. Gysis Dialektik. Mit seinen eigenen Worten: „Weil ich aus dem Osten bin, bin ich halt ein bisschen komisch.“

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