Berlin : Gregor Gysi: Unter Genossen

Matthias Meisner

"Liebe Genossinnen und Genossen." Guido Westerwelle steht gerade erst auf der Bühne - und schon jubelt das Publikum. Ausgerechnet der Generalsekretär der FDP ist - "stellvertretend für den Klassenfeind", wie er sagt - Festredner, als die PDS-Bundestagsfraktion am Montagabend ihren langjährigen Vorsitzenden Gregor Gysi verabschiedet. Ein rauschendes Fest in Leopolds Brauhaus in der Kulturbrauerei: Wenn es noch eines Beleges dafür bedurft hätte, dass Gysi wie kein anderer seine Partei geöffnet hat, hier ist er.

Von der CDU hat sich zwar niemand hingetraut - obwohl, geladen waren sie: Angela Merkel, Friedrich Merz und Helmut Kohl. Doch die anderen politischen Gegner der PDS zollen Respekt: SPD-Generalsekretär Franz Müntefering ist gekommen, auch die Grünen-Fraktionschefs Kerstin Müller und Rezzo Schlauch. Zu vorgerückter Stunde freuen sich die PDS-Genossen über den Besuch von Brandenburgs SPD-Chef Matthias Platzeck - hatten die Sozialdemokraten in Potsdam nicht eben noch der Großen Koalition den Vorzug vor einem rot-roten Bündnis gegeben?

Doch Unterschiede sollen an diesem Abend nicht unter den Tisch mit dem rustikalen Buffet gekehrt werden. "Uns trennt politisch das Allermeiste", sagt Westerwelle. Und verzichtet dann doch nicht auf launige Komplimente für Gysi: "Der beste Beweis dafür, dass zwölf Jahre bis zum Abitur wirklich ausreichen." Ausdrücklich sehr im Ernst fügt der FDP-Mann hinzu, dass Gysi "wegen seines kollegialen Umgangs weiß Gott respektiert wird".

Das gefällt nun wiederum Gysi auch an der FDP: Die einzige Partei im Bundestag sei das, "wo mich überhaupt nie jemand unfair behandelt hat". Und noch etwas findet der populärste Politiker der PDS prima an Westerwelle: "Der hat Freude daran, Politik zu machen." Trotz aller Unterschiede scheinen da zwei doch sehr ähnlich zu sein. Denn PDS-Chef Lothar Bisky zollt auch seinem Freund Gysi zum Abschied ein dickes Lob: "Wenn keiner mehr weiterwusste, kam von Dir noch der Witz."

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