Berlin : „Grenze zum Antisemitismus ist längst überschritten“

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In der Vergangenheit haben es Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde abgelehnt, sich zur politischen Lage in Israel zu äußern. Wir sind keine Außenstelle des Staates Israel, hieß es. Jetzt hat sich das offenbar geändert.

Die Jüdische Gemeinde und Juden in der ganzen Welt haben natürlich ein spezielles Verhältnis zu Israel. Wir waren nie ganz objektiv. Ich bin auch gegen den Objektivismus einiger Juden, die glauben, sich jetzt besonders kritisch gegenüber Israel zeigen zu müssen. Das ist eine alte jüdische Krankheit.

Als Ariel Scharon Ministerpräsident wurde, waren viele Juden in Berlin entsetzt, fürchteten um den Fortbestand der Friedenspolitik. Jetzt sagen sie: Wir stehen hinter Scharon.

Was wollen Sie, wenn man dauernd bedroht wird durch Mord, wenn man nur ins Café geht. Diese Regierung geht dagegen vor, weil es ihre Pflicht ist, die eigene Bevölkerung vor Mord und Terror zu beschützen. Es ist grotesk, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu dämonisieren, wie es leider auch in deutschen Massenmedien geschieht.

Nun gibt es aber in Israel und in Deutschland Juden, die Menschenrechtsverletzungen bei der israelischen Militäroffensive in den palästinensischen Gebieten beklagen. Sollten solche Argumente nicht auch Gehör finden?

Die Stimmung unter den Mitgliedern in den Jüdischen Gemeinden spiegelt in etwa die Stimmung in Israel wider, wo es auch viele Kritiker der jeweiligen israelischen Regierung gibt. Es gibt weltweit keine Presse, die da so kritisch ist wie die israelische. Wenn aber einige deutsche Medien jüdische oder israelische Stimmen zitieren, die Israelis mit Nazis vergleichen, so ist das ekelhaft. Oder wenn bei einer ominösen Arbeitsgemeinschaft Nahost ein Jude palästinensische Selbstmordattentäter mit Kämpfern im Warschauer Getto gleichsetzt.

Vor einem Jahr haben Sie begonnen, „die verzerrte Medienberichterstattung zu Ungunsten Israels“ zu kritisieren. Seitdem wiederholen Sie Ihre Mahnungen immer wieder.

Ich sage es noch einmal: Schon durch die Sprache in den Medien entsteht ein negatives Bild von Israel. In der Verteufelung der israelischen Politik ist die Grenze vom Antiisraelismus zum Antisemitismus längst überschritten. Das ist Wasser auf die Mühlen der rechtsradikalen Propaganda. Einige benutzen die Situation dazu, ihr Gewissen von der Last der Vergangenheit zu befreien.

Kann es nicht auch kontraproduktiv sein, die Medien so pauschal unter Druck zu setzen?

Wir sind alle sehr empfindlich, und vor allem die Tonlage mancher Kommentare im Fernsehen reißt alte Wunden auf. Da können wir nicht passiv bleiben. Ich freue mich aber, dass in seriösen Tageszeitungen auch nicht negative und etwas objektivere Artikel erschienen sind. Ich hoffe, dieser Trend hält an.

Zu der pro-israelischen Demo Mitte April kamen nur 1500 Menschen – fast zehn Mal weniger als zur pro-palästinensischen. Wieso zeigten nicht mehr Gemeindemitglieder und auch mehr nichtjüdische Deutsche Solidarität?

Ich bedaure, dass die große, vom Zentralrat organisierte Demonstration in Frankfurt am Main stattfand und nicht in Berlin. Wir planen jetzt auch hier Aktionen. Wir wollen aber noch einen entsprechenden Anlass abwarten. Man darf auch nicht vergessen, es gibt in Berlin viel weniger Juden als Moslems. Und es kommt zu diesen unheiligen Allianzen zwischen Palästinensern, Arabern und der extremen Rechten und Linken.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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