Berlin : Grenzenlos gruselig

Heute ist Halloween. Am Abend klingeln Kinder für Süßes – auch immer mehr Migranten sind dabei

Stefan Jacobs,Sebastian Leber

Die Globalisierung von Halloween ist vollbracht. Was einst wohl von den keltischen Küsten Europas in die Neue Welt gelangte, ist zurückgeschwappt – und in der Mitte der multikulturellen Berliner Gesellschaft angekommen. Halloween ist auch Migranten ein Begriff.

In der überwiegend von Ausländern bewohnten Steinmetzstraße in Schöneberg berichten die Kinder am Montag nach Schulschluss: „Alle von sieben bis 13 machen mit.“ Achmed, der palästinensische Eltern hat und jetzt als 14-Jähriger den Veteranen gibt, berichtet: „Wir klingeln bei allen, nur nicht bei Arabern. Die mögen das nicht.“ Der 13-jährige Ali sagt: „Wir treffen uns nach der Schule, fragen nach Süßigkeiten.“ Über das „Saure“, also die Rache an Verweigerern, ist wenig zu erfahren – aber sie dürfte erheblich sein, denn „wer keine Süßigkeiten hat, gibt Geld“. Die Bilanz des vergangenen Jahres: 70 Euro in drei Stunden, plus Süßwaren.

Gestartet ist Halloween als Vorabend des katholischen Allerheiligen. Später geriet der Brauch unter Satanismusverdacht – und wurde zumindest in Europa harmloser, weil ein ausgehöhlter Kürbis mit Teelicht drin eben noch keinen Gruselschocker macht. Für Moslems dagegen spielte das Fest keine Rolle. Bis zu ihrer Ankunft in Berlin. Der elfjährige Murat aus der Pallasstraße in Schöneberg hat Halloween über deutsche Freunde kennengelernt und feiert jetzt mit seiner türkischen Familie: Die Eltern machen das Essen, die Kinder „feiern mit Blutmasken von Woolworth und klingeln bei Bekannten wegen Süßigkeiten“. Der ebenfalls türkischstämmige Kubilay erzählt, seine Mutter habe jedes Jahr einen Berg Bonbons parat. Und Cecilia, 11, deren Eltern aus Ghana stammen, will mit ihrer kleinen Schwester den Erfolg des Vorjahres wiederholen: zehn Euro und einen Sack voll Süßigkeiten. Woher sie das Fest kennt? „Keine Ahnung.“

Ünsal Eren, Vorstandssprecherin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, ist über das Phänomen nicht überrascht. Schließlich habe „der Hang unter Türken, Feierlichkeiten anderer Kulturen aufzugreifen“, schon dazu geführt, dass viele türkische Familien in Berlin Weihnachten feierten. „Natürlich ohne den religiösen Bezug, sondern einfach des Spaßes halber.“ Und Spaß gebe es bei Halloween schließlich auch jede Menge. „Außerdem haben Feiern, bei denen Kinder im Mittelpunkt stehen, in unserem Kulturkreis einen festen Platz“, sagt Eren. „Also passt Halloween sehr gut.“

Ein Fest, das man nur des Spaßes halber begeht, kann man auch flexibel feiern, wie zwei etwa zehnjährige türkische Jungs bewiesen: Schon am Sonntagnachmittag klingelten sie sich durch die Wohnungen an der Schlesischen Straße und forderten von den überraschten Nachbarn Süßes, um Saurem vorzubeugen. Ein bisschen früh, fanden die Nachbarn. „Ja, aber wir fahren morgen in Urlaub“, sagten die Jungs.

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