Berlin : Grenzgänger

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Von Ralf Brockschmidt

Wer die saarländische Landesvertretung „In den Ministergärten“ aufsucht, staunt ob der Größe des sechsgeschossigen Kubus der Saarbrücker Architekten Alt & Britz. So ein kleines Land und so ein großes Haus. Den Auftrag hatte noch die Regierung Lafontaine gegeben, die Regierung Peter Müller und die Hausherrin Monika Beck gehen pragmatisch damit um. Die Bevollmächtigte des Saarlandes beim Bund, Staatsekretärin Beck, steht in bester saarländischer Tradition mit beiden Beinen auf dem Boden. Bloß kein Gedöns und Brimborium. Dabei ist die geborene Ludwigshafenerin eine gelernte Saarländerin, aber man hört es ihr nicht an. Während sie in ihrem schlichten Arbeitszimmer mit Blick auf das Gelände des Holocaust-Denkmals und den Reichstag spricht, bekommt ihr Deutsch immer wieder diese weiche saarländische Färbung, die für alle Saarländer in der Fremde das untrügliche Erkennungszeichen ist. „Man muss die Sprache können“, sagt Monika Beck, „wenn ich die Besuchergruppen so begrüße, leuchten die Augen.“

Beginnen wir mit dem Gebäude. Viel zu groß, findet sie, aber sie hat das Beste daraus gemacht. Seit Dezember 2000 führt sie hier die Geschäfte, vertritt die saarländischen Interessen beim Bund, hat sich aber auch Mieter und Partner ins Haus geholt, den VdK und den Europaverband der Selbstständigen. Und die für den Ministerpräsidenten vorgesehene Wohnung wurde zu Büros umgebaut. In einem aber unterscheidet sich die saarländische Landesvertretung von allen anderen: Vor dem Haus weht auch die blaue Fahne des Départements Moselle, das Monika Beck mit repräsentiert. „Wir sind Grenzgänger, wir sind nicht ideologisch und wir haben eine eigene Überlebensgeschichte, wir mussten uns immer auf andere einstellen.“ Und da wir nun im vereinten Europa leben, demonstriert die begeisterte Europäerin dies nun auch in der Praxis in Berlin.

„Früher war die Saarschleife unser Aushängeschild, heute müssen wir uns als Grenzregion europäisch aufstellen“, und das heißt für sie, Lothringen und Luxemburg bei Veranstaltungen mit einbeziehen. „Bei der Eröffnung spielte hier auch ein lothringisches Orchester, im Kulturprogramm hatten wir afrikanische Bands, Klezmer und Musiker aus Luxemburg.“ Grenzüberschreitende Kultur soll ein Markenzeichen werden, „dieses kleine Land muss sich offen präsentieren.“ In der Praxis bedeutet das, dass das Département Moselle in dem Haus drei Büros und eine gemeinsame zweisprachige Sekretärin beherbergt sowie eine deutsche Mitarbeiterin für gemeinsame Projekte. So feierte man den in Frankreich bedeutenden Nikolaustag gemeinsam, mit französischen Kindern und den gegenüber residierenden Brandenburgern, denn auch das hugenottische Element schlägt eine Brücke zwischen dem Berliner Raum und dem Südwesten. Den Abschlussgottesdienst hielt der Erzbischof von Troyes in der Hedwigskathedrale. „Das, was wir hier tun, könnte auch modellhaft für Osteuropa sein“, sagt sie mit Blick auf die Osterweiterung der Europäischen Union. Und nach einer Weile fügt sie hinzu: „Ich freue mich diebisch, dass es mir gelungen ist, das Département Moselle mit einzubeziehen. Baden-Württemberg hätte auch die Chance gehabt. Aber wir haben es getan.“

Dass Monika Beck beim Knüpfen ihrer typisch saarländischen Netzwerke vor allem auf Kultur setzt, hat auch mit ihrer Vita zu tun. Die Mutter von sechs Kindern hatte bereits 1967 in Ludwigshafen einen Verlag und eine Galerie gegründet. Und seit 1970 ist die Galerie Monika Beck, die sie bis zu ihrem Einzug für die CDU in den Landtag 1990 in Homburg-Schwarzenacker betrieb, ein Begriff in der bundesdeutschen Kunstszene. Im nächsten Jahr holt sie eine Ausstellung des russischen Realisten Ilja Repin ins Saarland-Museum und die Nationalgalerie spielt mit. Ihren Sitz in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nutzt sie auch für das Saarland. „Wir haben nicht viel Geld und keine Möglichkeiten für große Spektakel. Wir versuchen, die Berliner Kultureinrichtungen ins Haus zu holen, ebenso wie Wissenschaft und Wirtschaft.“

Beim Dauerthema Neuordnung der Länder hört auch für Monika Beck der Spaß auf. „Niemand kommt auf die Idee, Luxemburg mit seinen 500 000 Einwohnern das Existenzrecht abzusprechen. Ministerpräsident Peter Müller will das Saarland wirtschaftlich umbauen und unabhängig von Zuschüssen stellen, dann stellt sich die Frage nicht mehr.“ Und dann ist es auch nur eine Ironie, dass ihr Nachbar, der Leiter der rheinland-pfälzischen Vertretung, ein Saarbrücker ist. „Wir nutzen den Garten hinter unseren Vertretungen gemeinsam, so flexibel sind wir.“

Bonn hätte Monika Beck nicht so sehr gereizt, wohl aber die Urbanität Berlins. „Hier kann ich auch Dinge ausprobieren, für die ich im Saarland länger bräuchte.“ Und sie hat den direkten Draht zu Peter Müller. „Anfangs dachte ich immer, die großen Ländervertretungen seien mächtiger, aber die haben ja noch viele Hierarchien zwischengeschaltet. Ich rufe den Ministerpräsidenten an und bekomme meine Antwort. Das ist der Vorteil des kleinen Landes.“

SERIE (9): LÄNDERVERTRETUNGEN IN BERLIN

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