Berlin : Grenzgärtner im Tiergarten

DDR-Bürger Helmut Gehrke pflegte das Ost-Grün im Westen, stets begleitet „von so ’ner Flitzpiepe“

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zwei Herausforderungen dominierten das Berufsleben des Gärtners Helmut Gehrke. Zum einen betrug die Sollhöhe der Buchenhecken in seiner Obhut 3,25 Meter, während Gehrke mit 1,61 Metern kaum halb so groß ist. Vor allem aber befand sich der Arbeitsplatz des DDR-Bürgers Helmut Gehrke jenseits der Mauer, in West-Berlin. Wenn Gehrke Pech hatte, konnte er wegen der umständlichen Kontrolle nur ein, zwei Stunden arbeiten, bevor er sich auf den Rückweg machen musste. Um 16 Uhr erwartete die Kaderleitung Gehrkes Passierschein zurück sowie den Kurzbericht von der Reise ins nicht-sozialistische Ausland.

Drei Wochen nach dem Mauerbau hatte Gehrke den verantwortungsvollsten Job übernommen, der im Gartenamt des Ost- Berliner Stadtbezirks Mitte zu vergeben war: die Pflege des sowjetischen Ehrenmals in Tiergarten sowie die Rodung jenes acht Meter breiten Streifens entlang der Mauer, der auf West-Berliner Seite lag, aber noch zur DDR gehörte. Gehrke sollte das Geäst des Tiergartens von der Mauer fernhalten. Der Job ergab sich einfach; Gehrke vermutet, weil er keine Westverwandtschaft hatte, aber zu Hause in Mahlsdorf Frau und Baby. Mit der SED habe er so wenig zu tun gehabt wie mit der Staatssicherheit.

Umgekehrt konnte man das nicht sagen. In den ersten Wochen, als Gehrke die 20 Minuten vom Lehrter Stadtbahnhof zum Ehrenmal lief, ging jemand hinter ihm. In einigem Abstand zwar, aber unübersehbar, denn der Weg führte durch menschenleeres Brachland, in dem nur die Schweizer Botschaft stand. „Meist war das dieselbe Flitzpiepe“, sagt Gehrke über den Mann auf seinen Fersen. Auf den letzten Metern zum Ehrenmal schließlich wurde er von einem britischen Militärpolizisten empfangen und dem sowjetischen Wachpersonal übergeben.

Außer den Sowjets traf Gehrke im Westen nicht viele Menschen, zumal das Ehrenmal seit einem Attentat auf einen Rotarmisten mit Stacheldraht abgesperrt war. Gehrke versah seine Arbeit unauffällig und offenbar zur Zufriedenheit der Russen. Dem Gärtner Gehrke war es nach eigenem Bekunden egal, „ob ick nun am Alex pflanze oder im Tierjarten“. Als größten Vorteil seines Arbeitsplatzes empfand Gehrke die zwei Westmark, die er pro Tag erhielt. Sporadisch wagte er einen Ausflug nach Moabit, um Penaten-Puder für sein Söhnchen zu kaufen. Ganz wohl sei ihm dabei nicht gewesen – wegen der „Flitzpiepe“.

Als lästige Nebenwirkung seines Jobs im Westen sind ihm die einwöchigen Reisekaderschulungen in Erinnerung, bei denen er alle zwei Jahre zwischen Orgelbauern und Ingenieuren saß und Neues über Äthiopien sowie Regeln zum Verhalten im nicht-sozialistischen Ausland hörte. Er schlafe in überheizten Räumen schnell ein, sagt Gehrke. Bei einer Bestarbeiterkonferenz im Palast der Republik sei er schon nach einer Stunde im Plüschsessel versunken.

Mit den DDR-Behörden und der SED arrangierte er sich nach eigenem Bekunden auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Als sie von ihm mehr Engagement für den Arbeiter- und Bauernstaat forderten, ließ er sich als Volkspolizei-Helfer rekrutieren. Als solcher regelte er nach Feierabend gelegentlich den Verkehr in Alt-Mahlsdorf. Im Übrigen verwies er auf sein Ehrenamt als Naturschutzbeauftragter auf dem Campingplatz in Grünheide bei Erkner. „So bin ich um die fiesen Sachen herumgekommen.“

Helmut Gehrke lacht viel, wenn er erzählt. Gerade hat er Goldene Hochzeit gefeiert, bald wird er 75. Dass am Ehrenmal jetzt Unkraut aus der Wiese schießt und manche Hecken krumm geschnitten sind, „das hätten uns die Russen nicht durchgehen lassen“. Aber es wurmt ihn nicht. Vielleicht hat ihn dieser fröhliche Gleichmut so komfortabel durchs Reisekaderleben gebracht. Stefan Jacobs

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