Grenzlinien : Soziale Stadt Berlin: Arme Nachbarn, reiche Nachbarn

Die Kluft zwischen den Kiezen wächst. Eine Wohlstandsgrenze trennt viele Berliner Viertel. Wie lebt es sich mit den großen Gegensätzen - und was will die Politik dagegen unternehmen?

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Schönes Wohnen. Am Potsdamer Platz entstanden luxuriöse Häuser. Einer der ärmsten Kieze Berlins grenzt gleich daran.
Schönes Wohnen. Am Potsdamer Platz entstanden luxuriöse Häuser. Einer der ärmsten Kieze Berlins grenzt gleich daran.Foto: Mike Wolff

Die Nachbarn von gegenüber sind noch nicht eingezogen, aber ihre Vorboten kurven schon um die Ecke: junge Männer im offenen Porsche. Dennis, 15, würde auch gerne Porsche fahren, später, wenn er es zu Geld gebracht hat. „Klar, will doch jeder.“ Dennis hat früher mit seinem Vater hier gewohnt, Köthener Straße, Kreuzberger Seite, unsanierter Altbau. Dann mussten sie weg, weil die Miete zu teuer wurde für die geringen Einkünfte des Vaters. Das hat auch mit den künftigen Nachbarn von gegenüber zu tun. Ihr Haus steht schon: Luxusappartements mit Wellness-Oase, für die Upperclass der Hauptstadt. Entlang der schmalen Straße verläuft eine unsichtbare Grenze zwischen Reich und Arm, zwischen Jetset und Prekariat.

Berlin ist stolz darauf, dass es nicht in Hochhaus-Ghettos an der Peripherie und bürgerliche Opulenz in der Innenstadt zerfällt. „Gut durchmischt“ ist eine beliebte Vokabel von Verbandsvertretern der Wohnungswirtschaft, doch bei näherem Hinsehen werden soziale Grenzlinien sichtbar, Bruchkanten zwischen Ober-, Mittel- und Unterschicht. An der Bernauer Straße zwischen Wedding und Alt-Mitte gibt es so was. Am Engeldamm zwischen Kreuzberg und Alt-Mitte. An der Eldenaer Straße zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Und künftig auch zwischen den Neubauten auf dem Tempelhofer Feld und dem berüchtigten Neuköllner Schillerkiez an der ehemaligen Einflugschneise.

Scharfe Linie. Auch die Gegend am Kreuzberger Erkelenzdamm ist von Gegensätzen geprägt.
Scharfe Linie. Auch die Gegend am Kreuzberger Erkelenzdamm ist von Gegensätzen geprägt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Die Spaltung der Stadt in arme und reiche Viertel schreitet voran“, sagt der Berliner Mieterverein. Der aktuelle Bericht zum Sozialatlas spricht von „Polarisierung“ – gesunde Quartiere werden exklusiver, kranke steigen weiter ab. Die Eldenaer Straße liegt in der Rangliste von 447 Stadträumen auf Platz 1, die angrenzenden Quartiere auf den Plätzen 231 und 280. Ähnlich hoch ist das Gefälle zwischen Kreuzberg-Nord und Alt-Mitte.

Das hat historische Gründe. Als die Mauer noch ungeliebte Randzone war, baute man – zumindest im Westen – große Sozialsiedlungen. Nur Geringverdiener und Bezieher von Transferleistungen durften hier einziehen, entsprechend entwickelte sich das Image. Nach der Wende lagen die Sozialsiedlungen plötzlich mitten in der Stadt.

Die maroden Altbauten auf der anderen Seite der Mauer wurden saniert, mit Komfort ausgestattet und für den Mittelstand attraktiv. An der Eldenaer Straße entstanden auf Brach- und Abbruchflächen Reihenhäuser mit Gärtchen und Zaun drumherum, in direkter Nachbarschaft zu klassischen Mietshauskiezen. Dieses Nebeneinander von Arm und Reich kann man sozialpolitisch als glückliche Fügung der Geschichte beschreiben. Ausstrahlen sollen die Siedlungen. Anreize geben, sich anzustrengen und sozial aufzusteigen. Aber es gibt auch Verdrängung. Hinterm Potsdamer Platz ist der Druck auf die Mieten immens.

Spaziergang. Der 27-jährige Stefan Hochstatter ist vor kurzem in die Sozialbauten am Kreuzberger Wassertorplatz gezogen – mit Blick auf Eigentumswohnungen.
Spaziergang. Der 27-jährige Stefan Hochstatter ist vor kurzem in die Sozialbauten am Kreuzberger Wassertorplatz gezogen – mit...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Bescheuert“ findet Dennis das mit den neuen Nachbarn, aber den Frust begleitet ein inneres Schulterzucken. So ist das eben. Früher hatten sie hier freien Blick auf den Park am Potsdamer Platz, jetzt schauen sie auf die hintere Fassade einer Großstadtresidenz. Damit die Luxusmieter ihrerseits nicht auf grauen Altbauputz blicken müssen, hat der Bauherr einen neuen Anstrich spendiert. In Blassgelb und Himmelblau.

Die Köthener Straße war früher das Ende von Kreuzberg, dahinter begann die Grenzödnis am Potsdamer Platz. Die neu asphaltierte Straße ist trotz der Nähe zum Stadtzentrum außergewöhnlich ruhig. Das Leben hat sich in die Häuser zurückgezogen. Wer hier Auto fährt oder zu Fuß geht, ist auf der Durchreise. Von zu Hause zum Einkaufen bei Lidl. Oder von der Tiefgarage zum Flughafen.

„Erstbezug, das wär’s.“ Mohammed und seine Freundin, beide aus libanesischen Familien, würden sofort die Seiten wechseln, von Arm nach Reich. Mohammed lernt Maler, seine Freundin mit Sonnenbrille und langen Stiefeln macht gerade Fachabitur und will danach Wirtschaftsingenieurin werden. In ihrer Stimme ist kein Quäntchen Neid. Ein schwarzes Mercedes-Cabriolet hält auf der reichen Seite. Einer der neuen Nachbarn? Fehlanzeige. Polnische Jugendliche mit hängenden Hosen steigen aus und holen ihre Skateboards aus dem Kofferraum. „Wir drehen hier einen Film.“

Für den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann ist das Phänomen sozialer Grenzen nicht überraschend. „Soziale Netze bilden sich nicht wegen räumlicher Nähe. Es müssen ähnliche Lebensstile vorhanden sein.“ Unsichtbare Barrieren wie am Potsdamer Platz gebe es häufig in US-amerikanischen Städten. Man beachtet einander einfach nicht. „Mit denen (von der anderen Straßenseite – d. Red.) möchte man nichts zu tun haben.“

Kinder können diese Barrieren aufbrechen, weil sie noch nicht in sozialen Kategorien denken. Weil viele Eltern aus Mittelstand und Upperclass aber sehr genau auswählen, in welche Kita oder Schule sie ihre Zöglinge stecken, wirken sie dieser Integrationschance entgegen. Sehr gut ist das an der Bernauer Straße zu beobachten. Eltern aus den sanierten Altbauwohnungen in Alt-Mitte wehren sich vehement dagegen, dass ihre Kinder auf die Migranten-Schulen im Weddinger Brunnenkiez gehen.

Senat und Wohnungsbaugesellschaften haben Millionensummen in die Aufwertung überalterter Wohntürme gesteckt, soziale Projekte gefördert und kreative Räume für Künstler geschaffen. Am Wassertorplatz in Kreuzberg hat sich die soziale Struktur deshalb nicht zum Besseren verändert – Platz 428 im aktuellen Sozialatlas. Auf der westlichen Seite wohnen die jungen Sozialmieter, abhängig von schlecht bezahlten Jobs oder Transferleistungen, auf der östlichen Seite die gut situierten Ruheständler, die es zu Eigentum gebracht haben.

Schmuckes Wohnen. Altbaufassaden locken zahlungskräftige Bewohner an.
Schmuckes Wohnen. Altbaufassaden locken zahlungskräftige Bewohner an.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Zum Beispiel im „Beginenhof“, einem neu errichteten Wohnprojekt für alleinstehende Frauen am Erkelenzdamm. Sie sei „die Treppe raufgefallen, irgendwie zu Geld gekommen“, sagt eine ältere Bewohnerin mit einem verschämten Lächeln. Früher habe sie als pädagogische Mitarbeiterin gearbeitet und im Graefekiez gewohnt, eine klassische Kreuzberger Biografie. Auch der schlanke Herr vor dem Eckhaus gibt sich als pensionierter Pädagoge mit Eigentumswohnung zu erkennen. „Ich habe 30 Jahre lang einen Jugendklub in Nordneukölln geleitet.“ Die Jugendlichen von drüben, die am Wassertorplatz Skateboard fahren, stören ihn nicht weiter. Wegen der vielen Autoaufbrüche in der Gegend hat er für seinen Wagen allerdings eine Garage gemietet. Kontakt hat er zum türkischen Apotheker auf der anderen Seite. Das ist alles. Dass die Mieten jetzt in vielen Sozialbauten steigen, habe auch sein Gutes, sagt er, wegen der besseren Durchmischung.

Für Esra Sen wäre dann wohl kein Platz mehr hier. Sie wohnt mit ihrer kleinen Familie auf 74 Quadratmeter für 650 Euro warm im achten Stock. Die Gegend findet sie gut, viele Ausländer, gut durchmischt eben. Kontakt zur anderen Seite habe sie schon. „Das sind ja auch interessante, alternative Leute. Wir quatschen manchmal.“

Stefan Hochstatter, 27, frühverrentet „wegen schlechter Blutwerte“, kam vor einem halben Jahr wegen der günstigen Miete hierher. Dass er jeden Tag auf der grünen Grenze zwischen Arm und Reich mit Hündchen Doro spazieren geht, hat er noch nicht mitbekommen. Aber er weiß, dass die Post hier früher eine Grenze zog, zwischen SW61 und SO36.

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