Griechenland-Wochenende in Berlin : Solidarität geht durch den Magen

Griechenland ist mehr als Krise, Schulden und Gyros mit Tzatziki. Das Big Fat Greek Weekend in der Markthalle Neun leistet Aufklärungsarbeit - auch auf kulinarische Weise.

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Ab Donnerstag findet in der Markthalle Neun das Big Fat Greek Weekend statt. Foto: Thilo Rückeis
Ab Donnerstag findet in der Markthalle Neun das Big Fat Greek Weekend statt.Foto: Thilo Rückeis

Die Lacher waren groß, als der Schuhverkäufer Thom Feeney Ende Juni großspurig verkündete, er wolle Griechenland mittels Crowdfunding retten. Wenn jeder EU-Bürger einen Salat mit Feta-Käse und Oliven bestellt, so rechnete der 29-Jährige Brite vor, könnte man Griechenland kurzfristig vor dem Bankrott retten. Und die Leute spendeten: Bis heute sind zwar längst nicht die erhofften 1,6 Milliarden Euro zusammen, aber immerhin fast zwei Millionen Euro. Geht Solidarität also durch den Magen?

Auf jeden Fall - zumindest, wenn es nach Nikolaus Driessen und Florian Niedermeier geht. Die beiden Geschäftsführer der Kreuzberger Markthalle Neun haben zusammen mit ihrem Team das kulinarische „Big Fat Greek Weekend“ auf die Beine gestellt. Benannt ist die Veranstaltung nach dem Hollywoodstreifen „My Big Fat Greek Wedding“, der mit allen möglichen griechischen Stereotypen jongliert – Stereotypen, die Driessen und Niedermeier satt haben und die sie Tag für Tag in den Medien vorgekaut bekommen: „Immer das Gleiche: Entweder sind die Griechen die Bösen oder die Armen – aber eine reiche Kultur ist doch unabhängig vom Kontostand“, sagt Niedermeier.

Die Uhren werden auf null gestellt

Deshalb wird von Donnerstag bis Sonntag alles, was griechisch ist und lecker schmeckt, in der Halle nahe des Görlitzer Bahnhofs gebührend zelebriert. Acht griechische Stände werden Spezialitäten ankarren, dazu erklingt griechische Musik, die Besucher können verschiedene Olivenöle probieren und an einer Diskussion zu landwirtschaftlichen Entwicklung Griechenlands teilnehmen.

Denn nicht alle jungen Griechen haben nach Beginn der Krise Hals über Kopf das Land zu verlassen. Viele junge, gut ausgebildete Fachkräfte haben sich aufs Land zurückgezogen, um ihr Glück mit neuen Erzeugermodellen zu versuchen: „Die Uhren wurden in Griechenland auf Null gestellt,“ erzählt Nikolaus Driessen. „Daraus sind viele neue Ideen entstanden.“ Zunächst habe es einen Schritt zurück zum Kleinbäuerlichen gegeben, wodurch hochwertige Lebensmittel erzeugt wurden.

Umstrukturierung in der Landwirtschaft

Doch die EU-Landwirtschaftspolitik fördert vor allem Agrarbetriebe, die auf weiten Flächen Monokulturen bewirtschaften. Diese drohen zum einen Griechenlands lokale Anbauvielfalt zu zerstören, zum anderen machen sie das Land stark abhängig von Importen, kritisiert Pavlos Georgiadis.

Der 33-jährige Ethnobiologe und Food-Blogger, der am Freitag eigens für die Diskussionsrunde aus Griechenland anreisen wird, setzt sich als Pionier der jungen Agrarbewegung dafür ein, dass in Griechenland künftig nicht nur der Schuldenstand, sondern auch die Landwirtschaft umstrukturiert wird. „Aber Geld geht dahin, wo schon Geld ist, also zu den Großkonzernen. Trotzdem glaube ich, dass wir eine neue Nachhaltigkeit mit besserer Qualität schaffen können.“

Christos Tziolis ist einer der Botschafter für regionale Qualität in Berlin: In seinem Weinladen „Cava“ in Charlottenburg bietet er seinen Kunden eine Auswahl von über 200 griechischen Weinsorten, die er direkt von kleinen, privaten Winzern oder regionalen Betrieben importiert. „Will man über etwas Positives in Griechenland sprechen, muss man dem Wein die Aufmerksamkeit geben“, rät der 59-Jährige, dessen Großvater schon griechische Weinberge bewirtschaftet hat.

Nicht nur Feta, Gyros und Tzatziki

Auch er wird seine Weine am Wochenende in der Markthalle Neun präsentieren, wenn auch nur in stark reduzierter Auswahl: „Wer probiert, wird vielleicht das Bild, das er von Griechenland aus den Medien kennt, überdenken: Die sind ja gar nicht alle faul, die können ja auch Qualität“, hofft Tziolis.

Dass es so politisch wird, glaubt Ben Levis nicht. Seit Jahren führt er einen Stand in der Markthalle, an dem es immer nach griechischem Honig, Gewürzaromen und Olivenöl duftet. Die Produkte kommen – natürlich – von sorgsam ausgewählten griechischen Jungbauern mit innovativen Ideen. „Ich wünsche mir, dass die Berliner Kunden endlich verstehen werden, dass griechisches Essen nicht nur Feta und Gyros mit Tzatziki ist“, sagt Levis.

Dafür setzen sich auch Nikolaus Driessen und Florian Niedermeier ein: „Damit es eine Veranstaltung wird ohne Tunnelblick – und Schulden keine Rolle mehr spielen.“

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