Berlin : Grillfieber: Ob erlaubt oder nicht - gegrillt wird, was auf die Roste geht

Christian van Lessen

Hasan ist mit seiner Frau, den zwei Söhnen und den Schwiegertöchtern aus Kreuzberg gekommen. Rund zehn Minuten Fahrzeit. Den Kombi hat er gerade mit viel Glück an der Zufahrt zur Kongresshalle parken können - in der Halteverbotszone, wo aber zur Mittagszeit vor abgestelltem Autoblech eine Straße nur zu ahnen ist. Hasan und die Söhne haben sich zwei Körbe mit rohem Lamm- und Hähnchenfleisch geholt, den Grill und das Paket Holzkohle. Dann wird noch eine Kiste voller grüner Paprika herangeschafft - und schon macht es sich die Familie auf dem Rasen an der John-Foster-Dulles-Allee bequem. Wie zig Tausend andere Familien auch - am Sonntag im Tiergarten, in zahlreichen Grünflächen wie dem Görlitzer Park, in Gärten, auf Balkonen und Terrassen. Ob erlaubt oder nicht - es wird dieser Tage gegrillt, was auf die Roste geht, und fast nur Männer führen am Grill das Kommando, was Freizeitforscher schon hinreichend analysiert haben. Die Stadt ist in mehr oder weniger dezente Rauchschwaden gehüllt - die Grillsaison, Anfang Mai schnell gestartet, kommt diesmal früher als sonst in Fahrt. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Siegfried Helias ist in diesem Jahr früher alarmiert. Gegen das wilde Grillen im Tiergarten sollten Münzgrills helfen, das Geld daraus könnte zur Abfallbeseitigung eingesetzt werden, schlug er am Wochenende vor. Als Vorbild nannte er australische Nationalparks. Im Juni vergangenen Jahres hatte Helias ein "Grill-Ticket" für zehn Mark pro Grillplatz und Tag gefordert, "Grill-Cops" sollten kontrollieren. Senator Peter Strieder konterte sofort mit dem Hinweis, dies widerspreche dem Grundprinzip der öffentlichen Anlage, auch müsse man auf einkommenschwache Familien Rücksicht nehmen.

Aber der politische Wind weht den Brutzlern, die den Tiergarten zum zentralen Grillplatz der Stadt erkoren haben, wieder schärfer ins Gesicht. Den Bundeskanzler als direkten Nachbarn läßt das kalt, gestern war leichter Südwind, und die scharfen Dünste und dicken Rauchschwaden ließen das Kanzleramt außer Acht. Vom zuständigen Stadtrat Dirk Lamprecht (CDU) in Mitte aber war kürzlich schon das harte Wort "Grillverbot" zu hören. Es fiel, als nach dem 1. Mai 35 Mitarbeiter seines Amtes 70 Kubikmeter Müll aus dem Großen Tiergarten fischten und feststellten, dass nicht nur die Wiesen auf "erlaubtem" Grillgelände wie ein Flickenteppich aussahen. Lamprecht sorgt sich um den Schutz des Gartendenkmals. Sein Vorgänger Horst Porath, der die 20 Hektar große Grillzone zwischen John-Foster-Dulles-Allee und Straße des 17. Juni vor gut drei Jahren eingeführt hatte, sieht die Grillfolgen weniger dramatisch. Allerdings hat auch er feststellen müssen, dass mehr als die erlaubten 11 Prozent Tiergarten als Freiluft-Imbiss genutzt werden. Anderseits fällt es den Grillern schwer, Hinweistafeln zu entdecken.

Die Polizei, die hin und wieder vorbeifährt, übt sich im Tiergarten in Geduld. Die Grillzone ist groß und ihre Grenzen sind offenbar fließend. Bei anderen öffentlichen Grünanlagen, die gar nicht oder nur in Ausnahmefällen zum Brutzeln genutzt werden dürfen, dürfte die Kontrolle einfacher sein. Andererseits wird vielerorts wild gegrillt, abends etwa an den Ufern des Landwehrkanals in Kreuzberg beim Schein von Lagerfeuern. Heimische Balkone, auf denen Grillen verboten ist, bieten den Bewohnern einen Freiraum, sofern sie sich nicht durch Gerüche und Qualm verraten. Das Grillen im eigenen Garten ist zwar besonders reizvoll, mündet oft aber im Streit mit belästigten Nachbarn, endet letztlich vor Gericht. Gefährlicher aber ist das Grillen im Wald. Es ist wegen der Brandgefahren streng verboten. Die Forstleute fangen gerade wieder an, sich größere Sorgen zu machen. Und viele Spaziergänger auch, wenn sie beispielsweise in den frühen Abendstunden Leute an die Ufer der Grunewaldseen ziehen sehen, die sich mit Kühltaschen und Körben voller Lebensmittel abschleppen. Und mit einem Grill samt Paket voller Holzkohle.

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