Berlin : Grippeimpfung: Die nächste Influenza kommt bestimmt

Rolf Kremming

Das Pärchen auf der Parkbank am Weddinger Nordufer schwört sich ewige Liebe. Der Mond strahlt vom dunklen Himmel hinab. Der Große Wagen und andere Sterne blitzen und blinken. Es ist kurz vor Mitternacht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Zimmer 311 des Robert-Koch-Institutes geht es weniger romantisch zu. Im Labor des Influenza-Zentrums brennt immer noch Licht. Brunhilde Schweiger starrt durch das Mikroskop und sucht nach den neuen Grippeviren für die Zusammensetzung des nächsten Impfstoffes.

Die 47-jährige Biologin weiß alles über die kleinen Dinger mit der großen Wirkung. "Es ist der Moscow", ruft sie aufgeregt durch das hell erleuchtete Labor. Was Brunhilde Schweiger gerade in sechshundertfacher Vergrößerung auf dem Glasträger sieht, trägt die Bezeichnung A/Moscow/10/99. Sie und ihre Kolleginnen sagen dazu kurz und respektlos der "Russe".

"Viren werden oft nach ihrem Fundort benannt, und dieser Grippe-Virus ist zum erstenmal in Moskau gesichtet worden", sagt die Biologin. Neben dem Mikroskop, in schmalen Reagenzgläsern dicht beieinander aufgereiht, zwei Brüder des "Russen": der eine aus New Caledonia, der andere aus Japan mit dem Namen "Yamanashi", der auch im letzten Jahr schon aktiv war. Bestandteile der drei Virustypen werden zu einem Cocktail zusammengemixt und ergeben den aktuellen Grippeimpfstoff, der ab Ende September in allen Berliner Arztpraxen gespritzt wird. Die Kosten übernimmt die Kasse.

20 Millionen Dosen hat das Paul-Ehrlich-Institut inzwischen geprüft und freigegeben. "Die nächste Grippe kommt bestimmt. Ich kann nur jeden zum Impfen raten. Es ist immer noch der beste und wirksamste Schutz gegen die Grippe", sagt die Leiterin des Influenza-Zentrums. Andere Experten empfehlen die Impfung vor allem Menschen, die viel Kontakt zu anderen haben.

Die Zusammensetzung des Impfstoffs ändert sich jährlich und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgesetzt. Aus 110 weltweiten Influenza-Zentren, die ihre Forschungsergebnisse wöchentlich der WHO melden, werden die aktuellen Virustypen ausgefiltert. Viren haben die Eigenschaft, sich schnell veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Deshalb muss der Impfschutz jedes Jahr erneuert werden.

Wer außerdem noch genügend Obst und Gemüse isst, sich viel in frischer Luft bewegt und warm anzieht, braucht den "Russen", den "Japaner" und den "Caledoniar" meist nicht zu fürchten. Wer sich allerdings nicht pieken lassen möchte, läuft Gefahr, für drei Wochen das Bett hüten zu müssen. Er gehört dann zu den Hunderttausenden Grippekranken, von denen 30 000 im letzten Jahr sogar in stationäre Behandlung mussten. Die Grippeviren sind hart und kämpferisch. Und haben sie erst einmal zugeschlagen, können die Krankheitserscheinungen nur noch gedämpft werden - mit strikter Bettruhe, Apfelsinen und Zitronensaft.

Drei Virustypen sind bekannt: A, B und C. Der A-Stamm ist besonders heimtückisch und gefährlich. "Diese Viren sind besonders wandlungsfähig. Ihre beiden Oberflächenproteine Hämagglutinin und Neuraminidase verändern regelmäßig ihre Form und überlisten das Immunsystem des Menschen, erklärt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts.

Außer mit der WHO arbeitet das RKI noch mit der Arbeitsgemeinschaft Influenza in Marburg zusammen, die Patientenabstriche aus 600 deutschen Arztpraxen auswertet und an die Bundesbehörde nach Berlin schickt. "Damit sind wir immer auf dem Laufenden, wissen wie sich das Virus verändert und können sofort handeln. So bleiben uns hoffentlich die großen Grippeepidemien von 1918 (spanische Grippe), 1957 (asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe) erspart." Der Virus ist immer einen Schritt weiter als der Mensch und versucht den Antikörpern zu entkommen. Mancher Virus wandelt sich innerhalb von wenigen Stunden und hat eine neue Struktur. "Deshalb müssen wir schnell und zielgenau reagieren", sagt Brunhilde Schweiger. Der Schutz setzt frühestens nach einer Woche ein und ist erst nach vierzehn Tagen vollständig. Besonders anfällig für die Krankheit sind ältere Menschen über 60, Kinder und Patienten mit chronischen Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Zwei Labors weiter, an der Tür mit der Aufschrift "Vorsicht Biogefährdung", sitzt Birgit Troschke, 41, und züchtet Influenza-Viren in befruchteten Hühnereiern. Hier werden die neuen Stämme unter einer Art Dunstabzugshaube"isoliert und für die aktuellen Tests des nächsten Jahres weiter verarbeitet. Für Brunhilde Schweiger und ihre Mitarbeiter ist die Hochsaison erst dann vorbei, wenn sich der neue Impfstoff auf dem Markt befindet. Dann fliegt die Biologin in den Süden - in die Sonne, wo es hoffentlich weniger Grippeviren gibt.

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