Gropiusstadt : Bildungsbürgertum trifft Neuköllner Schüler

Ortstermin: Im "Club von Berlin" in der Jägerstraße begegnen sich zwei Welten, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Man will einander näherkommen. Aber die Distanz ist groß.

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Leben im Klischee. Die Großsiedlung Gropiusstadt hat sich seit Christiane F. verändert. Die Vorurteile gegenüber Jugendlichen, die hier aufwachsen, sind geblieben.
Leben im Klischee. Die Großsiedlung Gropiusstadt hat sich seit Christiane F. verändert. Die Vorurteile gegenüber Jugendlichen, die...Foto: Thilo Rückeis

Vordergründig scheitert es am Müll. Am Müll auf den Straßen, von dem die Schüler doch wissen, wer für ihn verantwortlich ist. Oder etwa nicht? Allgemeines Nicken im Publikum. Die Fragestellerin, eine Frau um die fünfzig, hakt nach. „Besonders schlimm sieht es bei uns vor dem Gymnasium aus“, das Gymnasium liegt an der Bayernallee, „in Wilmersdorf, nein Charlottenburg, also eigentlich Neu-Westend“. Ratlosigkeit am Kopf des Saals. Wo, zum Teufel, ist Neu-Westend? Und was hat das mit uns zu tun?

Zwei Welten wollen einander näherkommen, aber die Distanz ist groß. Im Publikum sitzt das Bildungsbürgertum, am Kopf des Saales steht Neukölln. 19 Schüler der Hermann-Helmholtz- Schule aus der Gropiusstadt. Es war ein langer Tag, er hat morgens um acht begonnen, vor dem Schultor, wo der Direktor immer jeden einzelnen Schüler begrüßt. Jetzt ist es früh am Abend, kurz nach halb neun. Eine Stunde lang haben die Neuköllner Schüler über ihr Leben referiert, über ihre Zukunftsträume und Erwartungen an das Deutschland im Jahr 2025. Aber das Bildungsbürgertum will die Sache mit dem Müll geklärt haben. Noch eine Nachfrage und noch eine, immer geht es um den Müll, und damit endet dieser Abend. Nicht im Unfrieden, aber doch im Unverständnis.

Die beiden Welten treffen sich im „Club von Berlin“ an der Jägerstraße in Mitte. Für die Neuköllner Welt ist das ein Auswärtsspiel. Die Gropiusstadt liegt in Neukölln, wo bekanntlich an jeder Ecke gedealt, immer scharf geschossen und jeden Tag mindestens einer gemeuchelt wird. Neukölln geht immer, wenn es um Migration und Bildungsferne geht. Detlev Buck hat einen knallharten Kinofilm über Neukölln gedreht, der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky würde einen prima Kanzlerkandidaten abgeben. Vor ein paar Wochen erst ist die niederländische Königin mit reichlich Kameras im Gefolge nach Neukölln gekarrt worden, um Migrantenkindern beim Mitmachzirkus zuzuschauen.

Das Projekt mit der Helmholtz-Schule ist von der Wohnungsbaugesellschaft Degewo initiiert worden. Es wäre unfair, ihr unlautere Motive zu unterstellen. Vor einem Jahr hat die Degewo ein ähnliches Projekt mit der Willy-Brandt-Schule in Gesundbrunnen auf den Weg gebracht, ihr Vorstand Frank Bielka ist in Neukölln zur Schule gegangen und war dort Stadtrat für Jugend und Sport. Bielka sagt, es gehe ihm nicht um intellektuelle Fingerübungen, sondern darum, die Lebensqualität in Stadtquartieren zu verbessern und ganz allgemein die Zukunft zu sichern. Vorsichtige Lacher im Publikum bei seiner conclusio: „Die jungen Leute sind unsere Zukunft, und wir brauchen ja irgendjemanden, der unsere Rente finanziert.“

Zum Beispiel die 14 Jungen und 15 Mädchen aus der Klassenstufe 9 an der Helmholtz-Schule, sie haben sich freiwillig für das Projekt rund um die Gropiusstadt gemeldet. Eine Woche Praktikum bei der Degewo, zwei Wochen Erkundung der eigenen Lebensumgebung. 60 Prozent der Helmholtz-Schüler haben einen Migrationshintergrund. Ihre Eltern sind in der Türkei aufgewachsen, in Serbien oder im Libanon, sie sehen sich wahlweise als Ausländer und Berliner, als Gropiusstädter, Deutschlandbürger oder Neuköllner. „Wir sind keine einheitliche Menge“, ruft einer in den Saal.

Der Titel der Veranstaltung lautet „Wir Kinder von der Gropiusstadt“. Das erinnert an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Christiane F. hat, bevor sie zum Heroin kam, in der Gropiusstadt gelebt. Seit ihrem Buch hat die Großsiedlung im Neuköllner Süden ihren Ruf weg als Beton gewordene Brutstätte der Verwahrlosung. Die Verfilmung beginnt mit der Feststellung: „Alles Piss und Kacke hier.“

Viel Geld ist seither in die Hochhäuser zwischen Britz, Buckow und Rudow investiert worden. Auch von der Degewo, sie bewirtschaftet gut 4300 Wohnungen in der Gropiusstadt. Viele Häuser sind heute noch so grau wie damals, die Helmholtz-Schüler beamen sie in Farbe an die Wand der Jägerstraße, aber mittendrin ist so viel Grün wie in kaum einem deutschen Neubauviertel. Wer die Hermann-von-Helmholtz-Schule besucht, kommt nicht zwangsläufig aus der Gropiusstadt. Sondern vom Hermannplatz, aus Britz und Rudow, von der Sonnenallee. Aus ganz Neukölln. „Die Schule hat einen guten Ruf“, sagen die Schüler, „unsere Eltern wollen, dass wir da hingehen, die reden zu Hause mit uns Deutsch, weil aus uns mal was Besseres werden soll.“

Vor einem Jahr ist eine ähnliche Runde mit der Willy-Brandt-Schule knapp am Eklat vorbeigeschrammt. Die Migrantenkinder vom Gesundbrunnen scherten sich einen Dreck um politisch korrekte Formulierungen und konfrontierten das Publikum mit ihrer Lebenswirklichkeit, mit Botschaften wie: „Männer und Frauen sind nicht gleich!“ Oder: „Frauen kriege ich immer wieder, aber ich habe nur einen Vater!“

Die Helmholtz-Schüler aus Gropiusstadt dagegen sind sichtlich um Anpassung bemüht. In ihrer einstündigen Präsentation sagen sie manches Vorhersehbare. Alle wollen sie mal heiraten und Kinder haben, einen guten Job, Einfamilienhaus und Auto. Ja, auch Moscheen seien wichtig, und wer eine nicht muslimische Frau heirate, könne schon mal in den Verdacht geraten, ein Verräter zu sein. Aber sie wagen sich auch hinaus aus den Gedankengebäuden einer einstigen Wagenburg. Auch das klingt nicht immer politisch korrekt. Auszüge: „Wir finden es blöd, wenn Ausländer über Deutschland meckern!“ – „Kriminelle Jugendliche ohne deutschen Pass sollten abgeschoben werden!“ – „Wir Mädchen wollen arbeiten und nicht nur zu Hause sitzen.“ Und sie ärgern sich über den Müll, so gehe das ja nicht weiter, die Berliner Stadtreinigung brauche mehr Personal, ein Schüler fordert 100 Euro Geldstrafe für Hundekacke auf der Straße, andere Schüler sprechen höflich von Hundekot.

Die Diskussion beginnt. Die Bildungsbürger loben: „Das habt ihr toll gemacht, wenn ich euch so sehe, müssen wir vor der Zukunft keine Angst haben.“ Die Schüler strahlen. Ihr Direktor ist ein freundlicher Mann mit grauem Haar, er steht auf und spricht vom Stolz auf seine Schüler und zum Degewo-Chef Bielka sagt er: „Vielen Dank, in diesen drei Wochen haben meine Schüler mehr gelernt als in drei Monaten!“

Das hätte ein schöner Schlusspunkt sein können, aber das Bildungsbürgertum hakt nach. Ein Mann will wissen, welche Sprache denn die Schüler zu Hause sprechen. Irritiert gucken sie sich vorne an. Hatten wir das nicht schon? Eine Frau fragt, warum die Schüler denn andauernd neue Jobs vom Staat gefordert hätten, „wissen die denn gar nicht, wie Arbeitsplätze entstehen?“

Dann kommt der Müll und mit ihm die gesellschaftliche Verantwortung, da könnte doch mal dieser Schüler etwas sagen oder jener. Der Direktor mischt sich ein, er müsse jetzt mal seine Schüler in Schutz nehmen, „wir kommen aus der Neuköllner Welt, nicht aus der Welt des Bildungsbürgertums“. Hier und heute gehe es um den schwierigen Übergang ins Arbeitsleben, „lassen Sie uns doch bitte nicht abdriften!“ Stille. Noch Fragen? Keine Fragen.

19 Schüler aus der Gropiusstadt drängen zum Ausgang. Jedes Auswärtsspiel muss einmal zu Ende gehen.

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