• Großdemo – wer geht heute auf die Straße? WARUM ICH MITMACHE WARUM ICH NICHT DABEI BIN

Berlin : Großdemo – wer geht heute auf die Straße? WARUM ICH MITMACHE WARUM ICH NICHT DABEI BIN

Die Veranstalter des Protestes erwarten mehr als die klassische Gewerkschaftsklientel. Wir haben nachgefragt

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„Druck auf Parteien machen“

Peter Schrott, 59, Erwerbsloser:

„Als ich früher noch Arbeit hatte, hab’ ich immer für die Verbesserung der Zustände gekämpft, klar, dass ich heute als Erwerbsloser auch gegen die Verschlechterungen demonstrieren muss. Das ohnehin schon magere Arbeitslosengeld wird stark gekürzt und sinkt auf Sozialhilfeniveau. Auch die Abschaffung des Sozialtickets in Berlin ärgert mich, wie sollen Arbeitssuchende da noch Termine wahrnehmen können? Wir müssen einfach Druck auf die Parteien ausüben.“jhy

„Kita-Gebühren zu hoch“

Sylvia Bolle, 31, alleinerziehende Mutter:

„Ich kämpfe für eine Sache, die mir wichtig ist. Es kann nicht sein, dass die Politiker mit uns machen können, was sie wollen. Ich beziehe Sozialhilfe und zahle für jedes meiner drei Kinder 45 Euro Kita-Gebühren. In meiner Kita „Havelpiraten“ betreuen 9 Erzieher 103 Kinder. Eigentlich müssten es mehr sein, aber die sind im Erziehungsurlaub. Diese Lücke können wir nur durch Praktikanten decken. Normalerweise sollen solche Stellen aus dem Stellenpool besetzt werden.“ cof

Mehr als 100000 Demonstranten erwartet der DGB zur Großdemo gegen Sozialabbau in Berlin. Mindestens die Hälfte dürften jüngere Leute sein. Denn die, die in den 1700 Bussen von außerhalb kommen, sind wohl kaum Rentner, schätzt ein DGB-Sprecher. „Um vier Uhr in den Bus steigen, fünf Stunden Kundgebung und dann wieder zurück – das tun sich die Älteren nicht an.“ Außerdem haben viele Studentenorganisationen zum Protest aufgerufen, und die Anhänger von Attac, die auch zu den Veranstaltern gehören, sind größtenteils zwischen 20 und 30 Jahren alt. Die Jungen hätten es heute sehr schwer, ins Berufsleben einzusteigen, sagt ein Attac-Sprecher. Wenn sie es überhaupt schaffen, dann meistens nur über viele Jahre der totalen Selbstausbeutung. Die Wut darüber sei in den vergangenen Jahren immer mehr gewachsen.

Aber auch Rentnerbündnisse haben ihre Teilnahme zugesagt. Und viele Frauen erwarten die Organisatoren, denn gerade im Osten seien sie die ersten gewesen, die in den abgewickelten Firmen entlassen wurden und schwerer als die Männer wieder eine Anstellung gefunden haben. Auch viele Mütter, die sich über die Erhöhung der Kita-Gebühren aufregen, hätten ihren Protest angekündigt.

Was die Berufsgruppen angeht, erwarten die Gewerkschaften ein breites Spektrum. Während ihre eigene Klientel vor allem klassische Handwerker- und Angestelltenberufe ausübt, rechnet man damit, dass auch Arbeitslose teilnehmen, die in akademischen Berufen gearbeitet haben, arbeitslos wurden und nun befürchten, dass sie vom Arbeitsamt bald als Straßenkehrer vermittelt werden. Die Leute, die sich mit mehreren Mini-Jobs über Wasser halten und Sozialhilfeempfänger werden nicht die Mehrheit der Demonstranten ausmachen, schätzt Attac. Vielleicht haben sie gar nicht mehr die Zeit zum Protestieren. clk

„50 Euro Rente weniger“

Ingrid Kröning, 66, Rentnerin:

„Durch die Kürzungen werde ich 50 Euro weniger im Monat haben. Mir persönlich geht es nicht so schlecht, aber ich sehe die schwierige Situation der Menschen gerade im Osten, und da muss man einfach auf die Straße gehen. Es kann nicht sein, dass die Renten immer weiter beschnitten und Rentner schließlich in die Sozialhilfe getrieben werden. Ich war immer schon politisch engagiert, und ich will hier auch ein Zeichen setzen für die kommenden Generationen.“ jhy

„Für Familien unzumutbar“

Uwe Januszewski, 45, Beamter:

„Der Berliner Senat hat mir zu jährlich über 2000 Euro weniger Gehalt verholfen. Außerdem habe ich seit letztem Jahr im Zuge der Gesundheitsreform höhere Belastungen, während gleichzeitig die private Krankenkasse die Beiträge erhöht. Für Familien ist das unzumutbar. Die Lasten werden einseitig zu Ungunsten der Arbeitnehmer umgelegt. Das kann nicht sein. Ich muss schon sagen, dass das ein ziemlich emotionales Thema für mich ist. Ich hoffe, dass sich bald was ändert.“he

„Pauschaler Protest ist falsch“

Holger Schaal, 37, Selbstständiger:

„Ich finde den Sozialabbau nicht so dramatisch. Denn unser soziales System muss wirklich überarbeitet werden. Mir scheint es, dass hauptsächlich die Leute demonstrieren, die Leistungen beziehen. Als Selbstständiger habe ich als einziges Netz, das mich hält, die Sozialhilfe. Wenn man sich die schlechte Wirtschaftslage ansieht, sollte man sich genau überlegen, was man sich leisten kann und was nicht. Pauschal gegen jeden Abbau zu protestieren, ist falsch.“he

„Politiker haben keine Wahl“

Hans-Joachim Blauert, 58, Bäckermeister:

„Ich arbeite heute. Ich stehe von zwei Uhr morgens bis mittags um etwa halb eins vor dem Ofen. Was bleibt den Politikern denn anderes übrig? Selbst die Opposition weiß, dass sie genau die gleichen Maßnahmen ergreifen würde, wenn sie an der Macht wäre. Die, die heute demonstrieren, wollen Demokratie für alle und sind gegen den Hunger in der Welt. Aber wenn das gehen soll, muss der Reichtum umverteilt werden. Und genau das passiert gerade.“cof

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