Berlin : Große Hoffnung für kleine Patienten

Neues Stammzell-Labor in der Charité für Behandlung schwerstkranker Kinder eröffnet

Annette Kögel

Mit der kleinen Schwester stimmte etwas nicht, das war der 18-jährigen Andrea Hartung klar. „Ich wusste es, als Ines abends nicht mehr spielen, sondern freiwillig ins Bett gehen wollte.“ Zudem war der kleine Körper mit vielen blauen Flecken übersät: „Bei 20 habe ich aufgehört zu zählen.“ Als die Eltern mit der heute Zwölfjährigen zum Arzt gingen, kam Ines noch am selben Tag ins Krankenhaus. Die Diagnose: Leukämie, Blutkrebs. Vier Jahre ist das her, heute ist Ines geheilt – und feierte am Sonnabend mit anderen einst schwerstkranken Jungen und Mädchen das fünfjährige Bestehen der Kinderstation für Knochenmarktransplantation in der Charité. Zudem wurde im Virchow-Klinikum ein berlinweit einzigartiges StammzellLabor eröffnet. Hier sollen neue Zelltherapien für Leukämiekranke wie Ines und Kinder mit seltenen angeborenen Krankheiten entwickelt werden.

In Berlin und Brandenburg wird jedes Jahr bei rund 100 Kindern Leukämie festgestellt, sagte Gerhard Gaedicke, Klinikdirektor im Campus Virchow-Klinikum in Wedding. In den fünf Jahren wurden 240 Kinder behandelt, das sind etwa 45 Transplantationen im Jahr. Rund die Hälfte der Kinder, die eine Chemotherapie und neues Knochenmark erhalten, überlebt. Doch es gibt immer noch Risiken: Dass das Spendermaterial abgestoßen wird, dass Virusinfektionen nach der monatelangen Behandlung tödlich verlaufen. Diese Risiken sollen durch die Forschungen im neuen Stammzell-Labor reduziert werden, sagte Wolfram Ebell, der die Knochenmarktransplantation für Kinder und das Labor leitet. Eine Millionen Euro hat die Einrichtung gekostet. 855 000 Euro stellte die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin bereit, dazu kamen Spenden.

Nun werden rund ein Dutzend Mitarbeiter in dem sterilen Labor testen, wie man Abwehrzellen des Spenders, die Lymphozyten, über den Katheder im Brustraum gleich mit übertragen kann. Zudem sollen aus so genannten adulten Stammzellen neue Zellen entstehen, die später im Körper als Joker wirken können: Sie verwandeln sich dann in dringend benötigte Zelltypen oder in Gewebe – direkt im erkrankten Hirn, in der Leber oder den Knochen.

Bei Ines hatte die konventionelle Behandlungsmethode angeschlagen; ihr Bruder Christian spendete Knochenmark aus seinem Becken. Die Narben werden das Mädchen zwar immer an die harte Zeit im Krankenhaus erinnern, als sie Besuch nur von steril Vermummten bekam. „Doch wir sind im Leben zurück zur Normalität gekehrt“, sagen die Eltern Carola und Jörg Hartung.

Davon sind andere Familien noch weit entfernt. Denn heimtückische, seltene Kinderkrankheiten sind weniger erforscht: Mediziner nennen sie „Orphan Diseases“, verwaiste Krankheiten. Wie etwa das Stoffwechselleiden Adrenoleukodystrophie (ALD), das nur Jungen bekommen. Die Kinder verlernen plötzlich alles, was sie können, versteifen, werden spastisch. Zwar sind das nur wenige Dutzend Fälle in Berlin. Aber sie lindern oder heilen zu können, würde bedeuteten, endlich den Schlüssel zur Heilung anderer schwerer Leiden wie Multiple Sklerose (MS) zu haben, sagt Stammzell-Laborleiter Wolfram Ebell. In den Räumen versuchen die Forscher nun, aus Stammzellen Nervenzellen zu züchten, die sogar MS-geschädigtes Hirngewebe wieder reparieren können.

Die 16-jährige Yvonne erkrankte vor einigen Jahren an MS. Sie saß schließlich bewegungsunfähig im Rollstuhl, konnte nichts mehr sehen, reden, hören. Ihre Stammzellen-Behandlung fand vor zwei Jahren im Virchow-Klinikum statt. Bei der gestrigen Feier begleitete sie Bruder René – und Yvonne lief wieder allein.

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