Berlin : Große Kunst zu Hammerpreisen

In der Villa Grisebach beginnen die Herbstauktionen – mitmachen kann jeder Nur noch heute sind Werke zu sehen, die bald in Privatbesitz verschwinden

Thomas Loy

Die MoMA-Ausstellung dieses Sommers hat Bernd Schultz seinen Jahresurlaub vermasselt. Der Kunstexperte des Auktionshauses Villa Grisebach ist sehr froh darüber, denn stattdessen ist die Zahl seiner Dienstreisen enorm gestiegen. Und die Verkaufskataloge sind viel dicker als sonst. „Die MoMA-Ausstellung hat die Wahrnehmung von Berlin als Kunststadt erheblich beflügelt“, sagt Schultz. Private Kunstschätze, die früher in Hamburg oder München auf den Markt gebracht wurden, kommen jetzt nach Berlin. Davon profitieren kunstliebende Nicht-Sammler: Die Vorbesichtigungen sind kostenlos. Heute ist der letzte Tag, an dem die rund 1300 Kunstwerke der fünf Herbstauktionen in der Villa Grisebach in Augenschein genommen werden können (10 bis 17 Uhr). Was mit einem Wert über 3000 Euro taxiert wird, ist im Original zu sehen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Emil Noldes Bild „Sommerglut“ nur noch heute zu sehen ist und dann für lange Zeit in den Privatgemächern seines neuen Eigentümers verschwindet. Die Vorbesichtigung läuft seit Samstag – mit „exorbitanten“ Besucherzahlen, sagt Micaela Kapitzky, die geschäftsführende Gesellschafterin des Auktionshauses. Am Wochenende kamen mehr als 1200 Gäste.

Der Nolde ist zwischen 400 000 und 600 000 Euro wert und kommt in der exklusiven Abendauktion am Freitag (Beginn: 17 Uhr) unter den Hammer. Daneben gibt es mehrere Werke von Max Liebermann, Karl Schmidt-Rottluff und Gerhard Richter. Wer etwas weniger Geld ausgeben möchte, kann sich am Samstag ab 15 Uhr in der „Auktion 123“ mit Werken bis 3000 Euro Schätzwert bedienen.

Dabei sein und mitbieten kann jeder. Um eine Bieterkarte zu bekommen, genügt der Personalausweis. Die Karten werden eine Stunde vor jeder Auktion ausgegeben. In der Kartei stehen 23 000 Kunden – viele davon aus Übersee, die ihre Gebote gerne telefonisch durchgeben. Sogar schriftlich kann man teilnehmen.

Der große Auktionssaal fasst 180 Menschen. Im Saal darüber, in den per Video übertragen wird, passen nochmal 100. Bisher habe der Platz gereicht, sagt Kapitzky, aber für die Zeit nach MoMA kann niemand genaue Prognosen abgeben. Für die Hauptauktion am Freitag sind Reservierungen zu empfehlen.

Das Ersteigerte wird nicht gleich bezahlt und mitgenommen. Wer den Zuschlag erhält, geht brav nach Hause und wartet auf die Rechnung. Wenn er die bezahlt hat, und zwar vollständig, erhält er sein Kunstwerk. Auf den so genannten Hammerpreis berechnet die Villa Grisebach ein Aufgeld zwischen 15 und 18 Prozent. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer von 7 Prozent. So eine Auktion ist eben teuer: Drucklegung für 5000 Kataloge, Vorbesichtigungen in ganz Deutschland, Expertisen und Echtheitsnachweise – für die das Kunsthaus Grisebach haftet.

Die erste Auktion ist morgen ab 14.30 Uhr der Fotografie gewidmet: Villa Grisebach, Fasanenstraße 25, Tel. 885915-0. Internet: www.villa-grisebach.de

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