Berlin : Große Schau im Showroom des Alten

„Friederisiko“ zeigt die Pracht des Neuen Palais, Friedrichs offizielle Seite – und sein liebstes Pferd.

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Vielleicht stecken ausgerechnet in Melonenscheiben und Feigen bislang ungeahnte Kräfte. Beim Lieblingspferd von Friedrich II. haben sie wohl ganz wundervoll gewirkt. Der Fliegenschimmel-Wallach Condé fischte nach einem Ausritt oder beim kleinen Spazierritt durch den Park Sanssouci mit Vorliebe jene frischen Leckereien aus den Rocktaschen des Königs – zumindest berichten das Zeitzeugen. Condé wurde für ein Pferd steinalt: 38 Jahre. Das lag einesteils sicher an der feinen Kost – Obst, Gemüse, Gras und Kräuter von Potsdamer Wiesen –, aber sicher auch an der umfassenden Pflege und Zuneigung, die ihm zuteil wurde.

Wie der aus England stammende Wallach ausgesehen hat, lässt sich nur anhand von Zeichnungen und Gemälden vermuten. Sein beachtlicher Knochenbau aber kann demnächst von jedermann aus nächster Nähe bewundert werden. Denn das Skelett von Friedrichs Liebling gehört zu den mehr als 1000 Exponaten der großen Schau „Friederisiko“, die zum 300. Geburtstag des Königs vom 28. April an im Neuen Palais des Parks Sanssouci gezeigt wird.

Obwohl Condé nachweislich königliche Salons und Säle betreten durfte und dabei einige Fliesen zerdepperte, dürfte das prunkvolle Schloss mit seinen 634 Räumen auf fünf Etagen selbst für Friedrichs Lieblingspferd tabu gewesen sein. „Im Neuen Palais sollte nichts die Inszenierung für die vielen intellektuellen Besucher aus ganz Europa stören“, sagt Ausstellungskurator Alfred Hagemann. „Friedrich II. hat ja selbst das 1769 fertiggestellte Bauwerk nur für höchstens drei Wochen im Jahr selbst bewohnt, um hier vor allem mit seiner Familie gemeinsame Feste zu erleben.“ In der übrigen Zeit wollte er mit der zur Schau gestellten Pracht vor allem Anerkennung einheimsen. Er selbst bevorzugte Schloss Sanssouci am anderen Ende der Parkallee.

Obwohl viele Räume eigens für die Friederisiko-Schau ihren ursprünglichen Glanz zurückerhielten und einige Säle sogar erstmals seit mehr als 80 Jahren wieder öffentlich zugänglich sind, wird sich niemand als Schlossbesucher wie vor fast 250 Jahren fühlen. Der Denkmalschutz und der Umfang der in zwölf Themen gegliederten Ausstellung machten moderne Einbauten notwendig.

So wandeln die Gäste beispielsweise auf einem transparenten Steg aus Plexiglas über den kostbaren Marmorboden im Festsaal oder auf einem hölzernen Pfad über das Parkett in den einzelnen Räumen. Damit endet selbst die schon 1870 eingeführte Pantoffelpflicht. Denn die war nicht besonders effektiv. Sandkörner unter den Sohlen wirkten wie Schmirgelpapier. „Mitunter verringerte sich die Stärke der Steinfußböden von ursprünglich sieben auf nur noch einen Millimeter“, sagt Restaurator Stefan Klappenbach. Auch deshalb musste der Marmorsaal mit 637 Quadratmetern Grundfläche schon vor vier Jahren gesperrt werden.

„Der gesamte Plan des Bau- und Hausherren lässt sich nun wieder durchschauen“, sagt Kurator Hagemann. „Friedrich II. ließ für die Stars aus Mailand, Paris und anderen Metropolen Konzertzimmer und Theater bauen. Er hielt nach den kostbarsten Kronenleuchtern, Stoffen für die Wände, Schreibtischen, Vasen, Gemälden oder Bodenfliesen Ausschau und schmückte damit seine Räume.“ Die damaligen Besucher seien ganz von selbst zur Einsicht gelangt, dass sich diese ganze Pracht nur ein Großer leisten könne.

Mit dem Namen seines Prunkpalastes hinterließ der Monarch den heutigen Verwaltern und Vermarktern aber eine harte Nuss. „Wir hätten es leichter, wenn er sich etwa für ‚Grand Palais' entschieden hätte“, sagt der Generaldirektor der Schlösserstiftung, Hartmut Dorgerloh. „So aber lassen sich vor allem auswärtige Gäste nur schwer zu einem Besuch anregen.“ Die kämen in den Park Sanssouci, um etwas Altes zu sehen. „Neues Palais“ führt sie auf eine völlig falsche Fährte. Vielleicht räumt „Friederisiko“ aber nun auch dieses Missverständnis aus der Welt. Condé könnte da ja ein Zugpferd sein.

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