Berlin : Große Vergangenheit, ungewisse Zukunft

Die Straßenbahn feiert am Sonntag 125 Jahre elektrischen Betrieb. Jetzt braucht sie Geld für neue Züge

Klaus Kurpjuweit

Den Pferden gefiel es überhaupt nicht. Wenn sie mit den Hufen auf die Schienen traten, zuckte es in den Beinen. Der in den Schienen fließende Strom machte sich unangenehm bemerkbar. Auch die Kutscher waren sauer und fluchten über den neumodischen Waggon, der ebenfalls über die Gleise ihrer Pferdebahn rollte. Die wenigsten Kutscher werden aber damit gerechnet haben, dass sie wenige Jahre später ohne Job waren. 1881 zuckelte die erste elektrische Straßenbahn der Welt durch Berlin. Und bereits 1902 hatten die „Elektrischen“ die Pferde abgelöst. Am Sonntag feiert die BVG den 125. Geburtstag der Tram, wie sie heute offiziell heißt – mit einem Tag der offenen Tür auf dem Betriebshof Lichtenberg und einem Korso mit alten und modernen Fahrzeugen.

Wie später bei der U-Bahn hatte Werner Siemens auch die Weichen für den Erfolg der Straßenbahn gestellt. Weil er mit seinen Projekten von elektrischen Bahnen in Berlin nicht vorankam, kaufte seine damals noch kleine Firma eine stillgelegte Materialbahn in Lichterfelde, auf der er am 16. Mai 1881 die erste „richtige“ elektrische Bahn fahren ließ. Der Strom floss durch die Schienen, was nicht nur für Pferde nicht ganz ohne war. Deswegen wurde die Stromversorgung alsbald auf die noch heute übliche Oberleitung umgestellt. Heute ist von dieser 2,45 Kilometer langen Strecke vom Bahnhof Lichterfelde Ost zur Haupt-Kadetten-Anstalt des Militärs in der Finckensteinallee nichts mehr zu sehen. Nur ein bescheidenes Denkmal erinnert an die Premiere. Es ist zum Jubiläum verschönert worden.

Die Umstellung der von Pferden über Gleise gezogenen Bahnen auf den elektrischen Betrieb machte es auch den Ärmeren möglich, den Nahverkehr zu nutzen. Als Gegenleistung hatte die Stadt nämlich einen Einheitstarif von einem Groschen bei der privaten „Großen Berliner Straßenbahn AG“ durchgesetzt.

Dem Hoch folgte jedoch schnell das Tief – durch Krieg und Teilung der Stadt. 1967 musste die Straßenbahn Abschied im Westteil nehmen, wo die BVG und der Senat lieber auf den Bus und den Ausbau der U-Bahn setzten. In Ost-Berlin fehlte das Geld für neue Strecken im Untergrund. Deshalb verschwand zwar auch dort die „Elektrische“ weitgehend aus dem Zentrum, doch in die Neubaugebiete wurden auch neue Strecken gebaut.

Nach der Wende sollte die Tram auch im Westen eine Renaissance erleben. Von vielen hochfliegenden Plänen wurden aber nur wenige verwirklicht. Immerhin fährt die Straßenbahn seit 1995 wieder durch Wedding. Am 28. Mai wird die Strecke von der Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg über die Brunnenstraße zum Nordbahnhof verlängert, nächstes Jahr soll die Tram den Alex auch über die Karl-Liebknecht-Straße erreichen.

Die BVG setzt weiter auf die Straßenbahn – wenn sie das erforderliche Geld für den Betrieb auftreibt. Für rund 400 Millionen Euro will sie in den nächsten Jahren neue Fahrzeuge kaufen. Doch die Finanzierung ist noch nicht gesichert. „Die Stadt muss sich entscheiden, wie viel Straßenbahn sie haben – und bezahlen – will“, so Technikvorstand Thomas Necker.

Strecken, die einen hohen Investitionsbedarf haben, will die BVG einstellen. Dazu gehört eine der schönsten Linien Deutschlands, die so genannte Uferbahn vom S-Bahnhof Grünau nach Schmöckwitz. Vier Millionen Euro soll es kosten, die Anlagen dort zu sanieren. Zu viel, sagt BVG-Chef Andreas Sturmowski, denn in den Zügen sitzen meist nur wenige Fahrgäste.

Doch vielleicht gibt es im Jubiläumsjahr doch noch eine Lösung. Die BVG prüft derzeit, ob die Strecke mit einem Aufwand von rund 750 000 Euro wenigstens bis etwa 2010 weiter betrieben werden kann – ohne die Gefahr, einen Stromschlag zu erhalten.

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