Berlin : Großer Bahnhof Fast wie Wien Ein lebendiger Platz Gläserner Kompromiss

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Mexikaner fahren auf Spandau ab Ein Asiate entdeckt Ähnlichkeiten Ein Australier liebt Piano Ein Araber hat Berlin studiert

Von Vivien Leue

und Stefan Jacobs

Großereignisse sind ein gutes Mittel gegen Durchhänger. So gesehen kam der Weltkongress der Architekten im ICC genau zum richtigen Zeitpunkt – jetzt, wo die meisten Baugruben gefüllt, die Debatten geführt und die Resultate zu besichtigen sind. Rund 5000 Fachleute aus über 100 Ländern nutzten die Gelegenheit zu Diskussionen und Streifzügen durch die Stadt. Das waren weniger als von den Veranstaltern erhofft, aber genug, um Berlin ein wenig näher Richtung Nabel der Welt zu rücken. „Wir hatten 40 Ausstellungen rund um den Kongress – so viel Architektur war noch nie in Berlin“, sagt Kongresspräsident Andreas Gottlieb Hempel. Schon morgen wird es wieder weniger sein; die Kongressteilnehmer mit ihren gelben Kordeln um den Hals werden aus dem Stadtbild verschwinden. Aber nicht gleich nach dem Schlusswort heute Abend. Denn einige Architekten haben spontan ein paar Tage drangehängt, weil sie nicht erwartet hatten, dass solche Vielfalt die Berliner Straßen säumt und eine deutsche Stadt so spannend sein kann. Der Kongresspräsident spürt gar eine „Stimmung wie bei olympischen Spielen“ und bedauert nur, „dass der Regierende Bürgermeister keine Zeit gefunden hat, die Teilnehmer zu begrüßen.“ Aber von denen waren ohnehin viele nicht in erster Linie wegen der Reden angereist, sondern wegen Berlin. Ein paar von ihnen haben wir auf ihrer Großstadtsafari begleitet und gefragt, was ihrem geschulten Auge schmeichelt oder schmerzt.

Matilde Hernandez Cordova (28) baut normalerweise Schulen in Mexiko. Ihre Schwester Patricia (29) und deren Kollege Daniel Vega Mejia (27) entwerfen Industriekomplexe in Guadalajara. Ihre erste Tour führt sie durch Siemensstadt zum neuen Bahnhof Spandau. Auf dem Bahnsteig steht ihnen die Begeisterung ins Gesicht geschrieben: „Der Kontrast zwischen der High-Tech-Konstruktion hier und den Altbauten nebenan ist großartig“, sagt Vega Mejia. „Das Bahnhofsdach symbolisiert, was heute möglich ist. Vor ein paar Jahren hätte man sowas noch gar nicht bauen können.“ Der Blick fällt auf die Seitenfront der Spandau-Arkaden. „Eigentlich müssten Einkaufszentren heutzutage nicht mehr wie Bunker aussehen.“ Nachdem alles fotografiert worden ist, fahren die Mexikaner zurück ins Zentrum – mit dem Taxi. Die normalen Bahnhöfe in Berlin sind zwar praktisch und die Züge pünktlich. Aber überall ist es dreckig, sagen sie. „Das ist schade, denn ansonsten wirkt Berlin beim ersten Mal wie eine riesige Kunstgalerie.“

Mubasshar Hossain (57) aus Bangladesch fühlt sich an Wien erinnert. Nur blieb ihm dort der Anblick des Breitscheidplatzes erspart. „Wie kann man die alte Gedächtniskirche nur zwischen zwei so düstere Klötze aus Glas und Beton quetschen? Die versperren die Sicht und sind völlig überflüssig; so ein Mahnmal steht doch am besten allein.“

Versöhnt ist Hossain beim Blick vom Französischen Dom auf den Gendarmenmarkt: „Der Platz ist wunderschön. Gut, dass die neuen Gebäude meist nicht höher sind als die alten. Nur bei den Dächern hätte man sich zurückhalten können und in Nachbarschaft der Altbauten lieber Ziegel nehmen sollen, anstatt gestufte Dachetagen aufzusetzen.“ Auch vermisst er die vielen offenen Innenhöfe, die er aus seiner Heimat kennt. Tags zuvor war Hossain auf der Museumsinsel. Seitdem wundert er sich, warum es so schwierig ist, die Restaurierung des Weltkulturerbes zu bezahlen: „Bei uns wäre es selbstverständlich, dafür zu spenden. Die Leute müssten doch überall auf der Welt stolz auf die Leistungen ihrer Vorfahren sein.“

David Sutherland (46) ist aus dem australischen Melbourne angereist, um auf dem Kongress über sein jüngstes Projekt zu reden: das mit 90 Etagen höchste Wohngebäude der Welt. Ihn interessiert vor allem der Potsdamer Platz.

„Erstaunlich, wie viel Wert auf jedes Detail gelegt wurde“, sagt er. „Durch die verschiedenen Stilrichtungen, mal kühles Glas, mal verspielte Betonfassaden, gibt es für jeden Geschmack das passende Objekt. Das ganze Areal ist ungeheuer lebendig.“ Besonders begeistern ihn Renzo Pianos Werke: „Wunderbar elegante Gebäude – im Gegensatz zum Kollhoff-Hochhaus. Dessen Fassade hat für ihre Größe zu wenig Struktur. „Viel Stein, wenig auflockernde Details.“ Erstaunt ist Sutherland, wie viel Geld hier verbaut wurde. „In Australien müssen wir einfachere Materialien verwenden.“ Angesichts der Baukosten sieht er auch das Sony Center skeptisch: „Man ist von Glaswänden umzingelt. Das hätte man offener gestalten können. Aber ich will nicht meckern, denn morgen treffe ich mich mit dem Architekten.“

Saif Al-Sayed (24) hat gerade sein Architekturstudium in Boston abgeschlossen. Dorthin war er mit einem Stipendium des Emirates Dubai gekommen. Dafür muss er nun fünf Jahre lang für sein Land arbeiten.

„Das ist ja wie das Hauptgericht vor der Vorspeise!“, entfährt es ihm zu Beginn seines Ausfluges, beim Anblick des Reichstages. Theoretisch kennt er ihn längst; sein Studienschwerpunkt hieß „Berlin“. Der Reichstag sei „ein toller Kompromiss zwischen konservativen und modernen Strömungen: die historischen Elemente sind sensibel mit den neuen Teilen kombiniert worden. Das Glas fügt sich in die Struktur ein, ohne sie zu durchbrechen“. Lob auch für Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus: „Die strenge Flucht der Gebäude umrahmt den Reichstag und macht ihn wichtig.“ In der Friedrichstraße verfliegt die Euphorie: „Dafür, dass hier Milliarden verbaut wurden, gibt es kaum Highlights. Und unterirdische Shopping-Malls sind Gift für das urbane Leben. Unter die Erde gehören Autos, aber nicht die Menschen.“

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