Berlin : Großer Bahnhof unterm Funkturm

Auf der Messe Innotrans gibt es nicht nur Züge zu bestaunen – auch Jobs werden vermittelt

Frieder Bechtel

Wer Superlative sucht, ist auf der Innotrans richtig: die stärkste dieselhydraulische Lok, die längste S-Bahn und der schnellste Serientriebzug – auf der Innotrans wird geklotzt und nicht gekleckert. Die Messe findet zum 6. Mal statt und ist zur internationalen Leitmesse geworden, die Ausstellungsfläche hat sich im Vergleich zur ersten Ausgabe der Eisenbahnmesse im Jahr 1996 verzehnfacht. Ähnliches gilt für das Wachstum von Ausstellerzahlen und Internationalisierung der Messe. Auch für Bahntechnikunternehmen der Hauptstadtregion ist die Innotrans die wichtigste Leistungsschau.

Die Messe läuft gut, aber die Bahnindustrie hat Sorgen. „Weil die Liberalisierung des Schienenverkehrs angeblich noch nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht hat, will die EU-Kommission von der vorwiegenden Förderung der Schiene abrücken“, beschwerte sich Michael Clausecker, Geschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie Deutschland, bei der Eröffnung der Messe. Dabei wachse seit der Liberalisierung der Anteil der Schiene beim Güterverkehr, und private Verkehrsunternehmen hätten im Jahr 2005 50 Prozent Wachstum verzeichnen können. Auch der Schienen-Nahverkehr gewinne an Bedeutung. Kürzungen der Regionalisierungsmittel würden zunichte machen, was in den letzten zehn Jahren mühsam aufgebaut worden sei, kritisierte Clausecker.

Wie sich die Liberalisierung bemerkbar macht, kann man etwa beim Fahrzeughersteller Bombardier beobachten. Wenn Nahverkehrsstrecken für private Eisenbahnunternehmen geöffnet werden, enthält die Ausschreibung in der Regel die Forderung nach neuen Fahrzeugen. So hat Bombardier Transportation gerade die Lieferung von 90 Wagen für die Nord-Ostsee-Bahn abgeschlossen, die der Deutschen Bahn Ende 2005 die prestigeträchtige Strecke Hamburg – Sylt wegschnappen konnte. Ein Teil der Montage erfolgte durch die 1800 Mitarbeiter des Bombardier-Werks in Hennigsdorf. Zumindest in der nahen Zukunft haben sie genug zu tun haben: Fernzüge für den Verkehr zwischen Dänemark und Schweden sowie S-Bahnen für die Deutsche Bahn stehen in den Auftragsbüchern.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind Kunde in Hennigsdorf: 20 U-Bahnzüge „HK“ für die kleinen Tunnel der Linien U1 bis U4 sind bestellt. Bis zum Ende des Jahres 2007 gibt es eine Beschäftigungsgarantie für die Hennigsdorfer Mitarbeiter, wie es danach weitergeht, hängt von der Auftragslage ab.

Zwischen den Hallen können neue Loks, Triebzüge und Waggons besichtigt werden. Das Ende eines Zuges der Bayerischen Zugspitzbahn ragt fünf Meter in die Luft, um zu demonstrieren, welche Steigungen der Zug täglich zu überwinden hat. Hersteller dieses Zuges ist die Firma Stadler Rail, die die Zahnradzüge in der Schweiz produziert. Straßenbahnen und der neue S-Bahnzug „Flirt“ werden von rund 350 Arbeitern im Werk Berlin-Pankow gefertigt. Dass der 2004 eingeführte Zug so gut angenommen wird, sichert Arbeitsplätze in Berlin, „im Moment sind wir voll damit ausgelastet, die Aufträge abzuarbeiten“, sagt Katrin Block von Stadler Pankow. Allein im Jahr 2006 orderten Eisenbahngesellschaften aus Deutschland, Polen und sogar Algerien insgesamt 79 Triebwagen. Wenn das so weitergehe, könnte Stadler in naher Zukunft zusätzliche Arbeitskräfte gebrauchen, sagt Block.

250 000 Menschen arbeiten in Berlin und Brandenburg in der Verkehrswirtschaft, das ist ungefähr jeder siebte Job in der Region. Die meisten der über 400 Firmen sind kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern. 56 davon präsentieren sich auf dem Gemeinschaftsstand von IHK Potsdam und Berlin Partner GmbH in Halle 3.2.

An einer Ecke dieses Standes fährt eine kleine Modelleisenbahn unablässig über eine Weiche hin und her, jedes Mal misst ein Sensor die Vibrationen und übergibt sie an eine Spezialsoftware. Sie erkennt, genauso wie bei der „großen Bahn“, wie stark die Weiche abgenutzt ist und ob sie ausgetauscht werden muss. Die Innovation des Systems, das die Firma Witt gemeinsam mit der DB Systemtechnik entwickelt hat, besteht darin, dass das Messsystem in normale Reisezüge eingebaut werden kann und so zusätzliche Messfahrten eingespart werden können.

So eine Zusammenarbeit ist typisch für den alten Reichsbahnstandort Kirchmöser im westlichen Brandenburg. Mit Wirtschaftsfördermitteln wurden die Infrastruktur modernisiert und neben DB Systemtechnik viele kleine Eisenbahnfirmen angesiedelt, „970 Arbeitsplätze sind es heute, für 2007 erwarten wir fast 1100“, freut sich Eugen Hill von der Projektentwicklungsgesellschaft Kirchmöser.

Auf welche Nachfrage sich die Zulieferer einstellen müssen, versucht das Berliner Institut für Bahntechnik (IFB) mit seiner Software Cemis vorherzusagen. „Wir haben weltweit 337 000 Schienenfahrzeuge in der Datenbank verzeichnet“, erklärt Mikko Gumprecht vom IFB. Jedes Fahrzeug ist mit Alter und durchschnittlichem Produktzyklus registriert. Unter Berücksichtigung der Beschaffungspolitik der Betreiber erstellt Cemis dann eine Prognose über den künftigen Bedarf. Die Software zeigt das Ergebnis entweder in ganzen Wagen an, kann den Bedarf aber auch auf einzelne Türen, Rückspiegel oder Kabelstränge herunter brechen. Vor allem kleine Unternehmen nehmen diese Beratung gerne in Anspruch.

Wer sich nach Studium der Exponate gleich um einen Job in der Bahnbranche bemühen möchte, kann das am Career Point in Halle 4.1 tun. Balfour Beatty Rail, Bombardier Transportation und Knorr-Bremse suchen beispielsweise insgesamt mehr als 220 Mitarbeiter, ein Teil davon auch in der Region Berlin-Brandenburg. Auch Studenten können sich hier vorab informieren und ein Schnupperpraktikum vereinbaren.

Am Ende des langen ersten Messetages warten über 100 Menschen geduldig in der Schlange am Taxistand, obwohl kein einziges Taxi zu sehen ist. Der Bahnsteig der S-Bahn dagegen ist nur mäßig gefüllt. Vielleicht können Fachbesucher und Aussteller nach Feierabend einfach keine Züge mehr sehen.

MARKT

2005 setzte die Schienenverkehrstechnik in Deutschland etwa fünf Milliarden Euro um, in Europa 18 Milliarden Euro. Prognostiziertes Wachstum in den kommenden fünf Jahren: 0,4 Prozent jährlich.

MESSE

Über 1600 Aussteller aus 41 Ländern präsentieren sich auf der 100 0000 Quadratmeter großen Innotrans.

50 000 Besucher, die Hälfte davon aus dem Ausland, werden erwartet. Auf dem Freigelände steht, was auf Schienen fährt: vom Spezial-Unimog bis zur schnellsten E-Lok der Welt, die 357 Stundenkilometer schafft.

BESUCHER

Fachbesuchertickets kosten 32 Euro. Samstag und Sonntag sind Publikumstage , der Eintritt ist dann frei. Anfahrt: S-Bahn-Station Messe Süd. bech

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