Großer Stern : Buchstäblich wertsteigender Auftritt

Der Große Stern wird demnächst zum Ort eines politischen Welterereignisses. Doch Berlin hat etliche Orte, die mit berühmten Reden verbunden sind.

Christian van Lessen

Nun steht es fest: Barack Obama hält die Rede seiner Europatour unter den Fittichen von „Goldelse“, das Brandenburger Tor im Hintergrund. Eine schöne Kulisse. Es gibt etliche Berliner Plätze, die sich für Reden eignen, die Weltgeschichte machten oder machen können. Der Große Stern, einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte, gehörte bisher nicht dazu. Er verkaufte sich, politisch betrachtet, unter Wert.

Große Reden auf bedeutenden Plätzen – die Nachkriegsgeschichte Berlins hat einiges davon zu bieten. Als John F. Kennedy 1963 kam, war nur eines wichtig: Dass er persönlich erschien und den Berlinern nach dem Mauerbau Mut machte. Wo er reden sollte, wurde nicht lange diskutiert, stand ohnehin außer Zweifel: Natürlich auf dem Rudolph-Wilde-Platz, auf dem sich die West-Berliner am liebsten einfanden, wenn es zu feiern, zu trauern, zu demonstrieren galt. Wo Willy Brandt seine „Berlinerinnen und Berliner“ grüßte. Mitten in der Stadt, symbolträchtig vor dem Rathaus Schöneberg gelegen, im amerikanischen Sektor.

Das überschaubare Areal war die gefühlte Mitte der Halbstadt. Was der junge Präsident sagen wollte, war vorab kein öffentliches Gesprächsthema. Dass er dann die beinahe berühmteste Berliner Nachkriegsrede hielt, sollte die große Überraschung sein: Das Zitat ging um die Welt: „Ich bin ein Berliner.“

Die berühmteste Rede hatte der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter 1948 gehalten, in der er die Völker der Welt aufrief, auf diese Stadt zu schauen. Er sprach vor mehr als 300 000 Menschen auf dem Platz der Republik, an der Ruine der Kroll-Oper, vor dem ausgebrannten Reichstag, dicht an der Sektorengrenze. Der Platz vermittelte durch seine Nähe zum (Ost-Berliner) Brandenburger Tor trotzige Symbolkraft: Wie auch bei späteren Gewerkschaftskundgebungen zum 1. Mai, wo es nicht nur um Rechte von Arbeitern ging. „Berlin bleibt frei“, stand auf großen Transparenten.

Gern hätte US-Präsident Ronald Reagan 1987 vor einer solchen Kulisse gesprochen. Seine Forderung, Mr. Gorbatschow solle das Tor öffnen, hielt er in kleinerem Rahmen, aus Sicherheitsgründen. Reagan sprach vor geladenen Gästen auf der Straße des 17. Juni, mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund. Die Straße war damals auch eine Art Fanmeile zur 750-Jahr-Feier der Stadt.

Bescheiden ging es 1983 beim Besuch des US-Bürgerrechtlers und potenziellen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson zu. Er äußerte sich auf dem Mariannenplatz, sprach über Kreuzberg, das ihn an amerikanische Ghettos erinnere. Er sagte aber auch: „Die Mauer ist ein Denkmal der Angst.“

Hinter der Mauer wurden auf öffentlichen Plätzen keine großen Reden gehalten, abgesehen von der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde. Der Marx-Engels-Platz, heute Schlossplatz, und die Karl-Marx-Allee waren verordnete Aufmarschflächen für rituelle Reden der DDR-Staatsführung. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sprach der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow Anfang Oktober 1989 in West-Mikrophone vor der Neuen Wache Unter den Linden. Berliner Worte, die dazu beitrugen, den Ostblock zu stürzen.

Am 4. November 1989 adelte die größte Protestdemonstration der DDR-Geschichte den Alexanderplatz, es gab berühmte, von Pfiffen begleitete Reden, etwa von Spionagechef Markus Wolf und ZK-Mitglied Günter Schabowski. Schabowski wählte kein großes Forum, als er einige Tage später eine zerfahrene Rede vor Journalisten hielt, in der er wie nebenbei die epochale Öffnung der Mauer ankündigte.

Vor dem Rathaus Schöneberg, längst am John.-F.-Kennedy-Platz gelegen, musste Bundeskanzler Helmut Kohl bei einer missglückten Einheitskundgebung Pfiffe hören. In Erinnerung blieb nicht das gesprochene Wort, sondern eine völlig verhunzte Hymne. Viel Feuerwerk gab es wieder bei der großen Einheitsfeier 1990 vor dem Reichstag, aber eine bahnbrechende Rede war nicht dabei.

Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor hielt Papst Johannes Paul II. im Jahr 1996 eine Rede. Sie war als Appell für Freiheit und Frieden gemeint, wurde aber von Pfiffen gestört. Im Olympiastadion hielt er eine Messe.

Vor dem Brandenburger Tor, in Sichtweite der neuen amerikanischen Botschaft, hätte auch Barack Obama gern seine große Rede gehalten: auf dem Platz des 18. März oder dem Pariser Platz. Die grandiose Kulisse ließ sich nicht durchsetzen. Die „Berliner Rede“ Obamas hätte gut zum Pariser Platz gepasst, dort wurde sie erfunden, im Hotel Adlon. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog führte sie 1997 ein, forderte einen „Ruck“, der durch Deutschland gehen müsse. Obama wird für sein Land und die Welt Ähnliches fordern. Der Platz in Berlin, plötzlich ins Weltinteresse geraten, wartet auf ihn. Christian van Lessen

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