Berlin : Großer Weltraumbahnhof in der Wuhlheide

Am Sonnabend eröffnet das FEZ den Kosmos für Nachwuchspiloten. Heute fliegen die großen Astronauten schon mal Probe – mit Tempo 28 000

Stefan Jacobs

Pffft. Die Tür schiebt sich zur Seite. Es riecht nach Farbe, weil das Raumschiff noch so neu ist. Auf den Bildschirmen ringsum flimmert schon der Feuerstrahl an den Triebwerken. Pffft macht die Tür. Noch eine Minute bis zum Start. Wer lange genug die Ohren spitzt, hört die Triebwerke fauchen.

Ganz früher, als das Freizeitzentrum in der Wuhlheide (FEZ) noch Pionierpalast hieß und man selbst ein Kind war, war das „Kosmonautenzentrum“ entweder geschlossen oder von anderen, glücklichen Kindern belegt, die zwischen handsignierten sowjetischen Raumkapseln herumkletterten oder in Schleudervorrichtungen rotierten, bis ihnen schlecht wurde. Da hätte man gern mitgemacht, doch ohne Anmeldung kam niemand rein. Jetzt ist Genugtuung in Sicht: An diesem Wochenende öffnet das für 600 000 Euro völlig neu gestaltete Raumfahrtzentrum namens „Orbitall“ seine Türen, oder besser: seine Schleusen. Die führen direkt in das nachgebaute Kontrollzentrum der Internationalen Raumstation ISS.

Pffft, Werner Bachmann kommt, der Oberkommandierende im FEZ-Raumschiff. Er war schon 1979 bei der Eröffnung des Kosmonautenzentrums dabei und nennt die neue Raumstation sein Lebenswerk. Im ISS-Modul künden blaues Neonlicht und eher symbolisch gemeinte Sitzhilfen von den Entbehrungen des Weltraum-Reisenden. Über der Tür klebt ein Schild: „Speed Limit 28 000 km/h“. Ringsum stehen Schaltschränke, die erst auf den zweiten Blick als Attrappen zu erkennen sind. Darüber hängen Bildschirme und Kameras für den Kontakt zum Kontrollzentrum. Noch ist es menschenleer, aber ab Sonnabend wird das Bodenpersonal an den Computern sitzen und die Crew im Raumschiff dirigieren: Kommandant, Pilot, Bordingenieur, Astronauten und Wissenschaftler. Werner Bachmann kann es kaum erwarten, sie an Bord zu begrüßen und ihnen die einzelnen Funktionen des Raumlabors zu erklären. Besonders das Andocken will gelernt sein, und auch beim Umstieg vom europäischen ISS-Modul in den amerikanischen Rückflug-Shuttle muss jeder Handgriff sitzen.

Gut 17 Minuten dauert der Flug, der über Großbildschirme nach innen und außen übertragen wird. Das FEZ-Raumschiff ist für 15 Raumfahrer und eine zwölfköpfige Bodencrew konzipiert. 27 Leute – das entspricht etwa einer Schulklasse; so ist es auch gedacht. An Wochenenden kann auch mit weniger Personal geflogen werden, damit niemand zu lange auf den Start warten muss. An Bord gehen darf jeder ab etwa acht Jahren, mitreisende Eltern sind willkommen. Wer will, kann auch ein ferngesteuertes Marsmobil durch eine Kraterlandschaft lenken, mittels aktueller Satellitenfotos das Wetter vorhersagen und in der ebenfalls neuen Bibliothek das Weltall studieren, um sich später nicht zu verfliegen.

Werner Bachmann hat nach so vielen Jahren keine Orientierungsprobleme mehr. „Ich bin Autodidakt“, sagt der 59-Jährige. „Dass ich mein Wissen weitergeben kann, ist umso besser.“ Wenn Bachmann etwas wissen will, kann er jederzeit bei den Raumfahrtbehörden und -unternehmen anrufen: DLR, ESA, BDLI, Astrium und andere. Sie haben den eineinhalbjährigen Umbau zum „Orbitall“ auch fachlich begleitet und gesponsert.

Manchmal ruft Werner Bachmann auch seinen alten Bekannten Sigmund Jähn an. Der einzige Kosmonaut der DDR war schon bei der Eröffnung des FEZ-Weltraumbahnhofs 1979 dabei und hat als einer der ersten das Sojus-Raumschiff signiert, das jetzt frisch geputzt neben der ISS steht. Zur heutigen Vorab-Feier kommt er wieder – in Begleitung seiner Raumfahrerkollegen Thomas Reiter, Ulrich Walter und Sergej Saljutin, einem der letzten Bewohner der sowjetischen Raumstation „Mir“. Heute wird Werner Bachmann mit ihnen probefliegen. Und ab morgen mit den Kindern.

Eröffnung am Sonnabend von 13-18 Uhr, Sonntag 10-18 Uhr. Einzelkarten für 3 Euro, Familien zahlen 6 Euro. Infos unter Tel. 530 715 04 und unter www.orbitall-berlin.de oder www.fez-berlin.de .

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