Berlin : Großes Geld, kleine Zinsen

Jahr für Jahr muss das Kreditreferat der Finanzverwaltung etwa zehn Milliarden Euro für Berlin beschaffen

Ulrich Zawatka-Gerlach

Das wichtigste Instrument, um sich die vielen Milliarden Euro zu beschaffen, die Berlin jedes Jahr dringend braucht, ist der große Flachbildschirm in den Räumen des Kreditreferats. Unentwegt liefert der Wirtschaftsdienst Reuters Datenströme über Geldgeschäfte in der Welt. So verliert Susanne Reichenbach das aktuelle Marktzinsniveau nicht aus dem Blick.

Die Diplom-Volkswirtin leitet das kleine Team in der dritten Etage der Senatsfinanzverwaltung, Klosterstraße 59, das dem Land Berlin ständig frisches Geld besorgen muss. Zu günstigen Konditionen, versteht sich. Als im September 2005 die letzte große Benchmark-Anleihe ausgegeben wurde, die 1,75 Milliarden Euro einbrachte, lag der Zinssatz bei 3,125 Prozent über zehn Jahre. So preiswert ist Geld nur selten zu haben. Bei Großbanken und Versicherungen, Rentenfonds und internationalen Investoren finden diese Anleihen reißenden Absatz. Susanne Reichenbach konnte beruhigt in die Osterferien fahren: Der Rubel rollt.

Für solche großen Wertpapieremissionen wird auf so genannten „Roadshows“ in Frankfurt/Main, aber auch in London, Wien und anderen Finanzmärkten Europas mit Hochglanzprospekten geworben. „Berlin – Anlage mit Potenzial“ lautet der Slogan. Erfolgreicher Strukturwandel, erstklassige Infrastruktur, strikter Konsolidierungskurs und Aussicht auf Sanierungshilfen des Bundes: Solche Versprechen helfen, den Finanzinvestoren die Taschen zu öffnen. Die großen Rating-Agenturen, Fitch-Rating in London und Moody’s in New York, bescheinigen Berlin immerzu eine hohe Bonität, denn das Land kommt allen Zahlungsverpflichtungen pünktlich nach und ist über das System des föderalen Finanzausgleichs abgesichert. Früher war das Geschäft mühsamer. Da wurden noch Schuldscheine ausgeschrieben und Coupons geschnitten. Wertvolle Stücke, etwa mit dem Roten Rathaus als Kupferstich auf der Staatsanleihe, hängen heute nur noch als Wandschmuck im Kreditreferat, in dem ab und zu das Telefon klingelt und ein Banker mal schnell 50 Millionen Euro anbietet. Dann wird kurz gefeilscht und der Deal sofort perfekt gemacht. Schnelles Geld, das die Stadtkasse täglich braucht und das bei öffentlichen und privaten Kreditinstituten in Deutschland eingekauft wird.

Neben den Anleihen, Schuldscheinen, Landesschätzen, Tages- und Termin-Geldern gibt es noch die „ Derivate“, mit denen Zins- und Devisenschwankungen ausgeglichen werden. Finanzspekulationen, etwa an der Börse, lässt das Berliner Haushaltsgesetz aber glücklicherweise nicht zu. Schließlich geht es um den Umgang der öffentlichen Hand mit fremdem Geld, dem der Banken und der Steuerzahler.

Bund und Länder sind in diesem Geschäft eng vernetzt. Wenn Susanne Reichenbach und ihre beiden Mitarbeiter morgens die Zeitungen gründlich gelesen und sich ins Internet eingeklinkt haben, folgen Telefonkonferenzen mit den Kreditreferenten der anderen Bundesländer und des Bundesfinanzministeriums. Bei Geld hört zwar die Freundschaft auf und die meisten Länder lehnen die Klage Berlins in Karlsruhe strikt ab. Aber irgendwie gehört man ja doch zusammen.

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