Berlin : Großes Orgelbrausen für Benedikt XVI.

Festgottesdienst und Uraufführung einer Missa Solemnis zum Papst-Geburtstag

Claudia Keller

Der Segen war empfangen, da brachte Wolfgang Seifen die Orgel noch einmal so richtig zum Brausen. Nur wenige der vielleicht 600 Besucher trauten sich aufzustehen, alle starrten gebannt zur Empore. Nachdem der letzte Ton verhallt war, brachen sich die Gefühle, die Seifen mit seiner Missa Solemnis „Tu es Petrus“ zwei Stunden lang wachgehalten hatte, in lautem Applaus Bahn. Als ein paar Minuten später eine vom Urlaub gebräunte Bundeskanzlerin zusammen mit dem Apostolischen Nuntius in Deutschland, dem Kölner Kardinal Joachim Meisner, und dem Berliner Kardinal Georg Sterzinsky vor die Kameras trat, mischte sich Jubel ins Klatschen. „Schön, sehr schön“, flüsterte Angela Merkel den Kardinälen zu.

Auch sie war wie etliche andere Politiker und Botschafter gestern zum Festgottesdienst aus Anlass des zweijährigen Pontifikats von Papst Benedikt XVI. und seines 80. Geburtstags in die katholische St. Hedwigs-Kathedrale gekommen – und hatte es sichtlich genossen. Zu dem Festgottesdienst hatte der Apostolische Nuntius, Erzbischof Erwin Josef Ender, eingeladen.

Das Klatschen wollte aber noch kein Ende nehmen: Wolfgang Seifen, Professor an der Hochschule der Künste und normalerweise Organist an der Gedächtniskirche, kam endlich von seiner Orgelempore herunter und umarmte Constantin Alex, den Musikdirektor der Humboldt-Universität. Dann dankte Seifen den 240 Musikern und Sängern, die seine extra für den Papst komponierte Messe in der Kathedrale uraufgeführt hatten. Im Oktober wird sie im Petersdom aufgeführt.

An den roten Wangen konnte man Seifens Anspannung ablesen, an seinem Lachen und Scherzen nach der Messe die Erleichterung. „Es war genau das, was ich mir vorgestellt habe“, sagte er mit rheinischem Akzent immer wieder. Die Musiker hätten alles gegeben, es sei auch für ihn selbst sehr emotional gewesen.

In der Tat konnte einem das Auf und Ab von zarten, einschmeichelnden Tonfolgen und disharmonischen, bisweilen bombastischen Klängen durchaus Schauer über den Rücken jagen. Dass das mit dem Glauben kein leichter Sommerspaziergang ist, dröhnte, jauchzte und soufflierte einem etwa das „Credo“ ein. Verzweiflung, höchste Bedrängnis und unfassbar Gewaltiges schwangen da mit.

Das Absolute des Glaubens – in der Missa Solemnis ließ es sich heraushören. Das Absolute, um das es Joseph Ratzinger schon immer gegangen ist und auf das er das Christentum in seinem Pontifikat als Benedikt XVI. wieder einschwören möchte. Kardinal Joachim Meisner, der das Pontifikalamt zelebrierte, sagte, es sei das Grundanliegen des Papstes, Gott wieder ins Zentrum der Menschen zu rücken. Gerade in Deutschland sei die „Gegenwart der Kirche eine herausfordernde Aufgabe“. Angesichts der schlimmen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts sei deutlich geworden, dass ein Humanismus ohne Wissen um die Herkunft des Menschen von Gott zur Unmenschlichkeit verkomme. „Als man den Himmel den Engeln und den Spatzen überließ, fiel unsere Erde buchstäblich unter die Räuber“, sagte der Kölner Kardinal. Wie Papst Benedikt ist auch Meisner der Meinung, das Grundübel des Westens sei die „Diktatur des Relativismus“. „Alles ist gleich wichtig, alles ist gleich unwichtig, nichts zählt.“ Der Mensch könne Menschen klonen, also tue er es. Der Mensch könne Menschen als Ersatzteillager nutzen, also tue er es, weil er es für seine Freiheit halte, zu tun und zu lassen, was er wolle, so Meisner. „Auch der Terrorismus ist ein Ausfluss dieser Selbstermächtigung des Menschen.“

Meisner zelebrierte den Gottesdienst, da er Schirmherr der Papstmesse von Wolfgang Seifen ist. Außerdem fühlt er sich dem Papst wie kaum ein anderer der deutschen Bischöfe persönlich verbunden. So lobte er ihn denn auch als den „Mozart der Theologie“, der die „Noten des Evangeliums für die Menschen in Musik umsetzen kann“. Durch seine „intellektuelle Tiefsichtigkeit“ sehe er, was Gesellschaft, Glaube und Gott zusammenhalte. Schließlich ermunterte Meisner die Zuhörer mit den Papstworten, sie sollten, wenn sie nicht an die Existenz Gottes glaubten, doch wenigstens so leben, „als ob es Gott gebe“.

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