Berlin : Großes Potenzial, bescheidene Erwartungen

Das Wachstum von Berlin und Brandenburg wird über Jahre hinweg schwächer ausfallen als das in Deutschland

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Berlin (Tsp). Das Schweizerische Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos sieht in seinem neuen Deutschland-Report für die Region Berlin-Brandenburg nur mäßige Aussichten, beim Wachstum mit Gesamtdeutschland mithalten zu können. Auch in den kommenden Jahren werde sich der Trend, dass das Wirtschaftswachstum insgesamt schwächer ausfalle, verfestigen, attestieren die Forscher aus Basel der Region.

Damit nehmen die Forscher ihre langfristigen Erwartungen, die sie 1996 zusammen mit dem Tagesspiegel veröffentlicht hatten, zurück: Danach sollte ein enormer Zuzug von jungen und gut ausgebildeten Kräften dafür sorgen, dass Berlin und Brandenburg schneller wachsen als die meisten anderen Regionen in Deutschland. Genau an diesem Punkt korrigieren die Wirtschaftsforscher nun ihre Erwartungen – was tiefe Konsequenzen für das Wachstum hat. Das Prognos-Institut ist ein Tochterunternehmen des Holtzbrinck-Konzerns, in dem auch der Tagesspiegel erscheint.

Die voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung in der Region wird als Hauptgrund für die Wachstumsschwäche Berlins und Brandenburgs genannt. „Zwar wird die Einwohnerzahl bis 2020 insgesamt nahezu stabil bleiben, doch wird die Bevölkerung geradezu dramatisch altern“, monieren die Prognos-Forscher.

Fast eine halbe Million Menschen mehr als heute werden Rentner sein, die Zahl der Einwohner unter 65 Jahren werde dagegen in diesem Zeitraum um mehr als eine halbe Million zurück gehen. Berlin hat die am schnellsten alternde Bevölkerung. Heute ist das Durchschnittsalter hier von allen Bundesländern noch am niedrigsten. Das hätte eigentlich bisher für eine höhere Wachstumsdynamik sorgen müssen, meinen die Forscher. Doch die Region hat ihre wirklich guten Jahre nicht genutzt, ihre Vorteile leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Denn: Der Kampf um den gut ausgebildeten Nachwuchs wird immer härter. Und bis auf die coolen Ecken von Berlin haben der Süden und Südwesten bei den Jugendlichen die Nase vorn.

Zu wenig Wachstum

Das wirtschaftliche Wachstum in der Region reicht bislang bei weitem nicht aus, um den Arbeitsplatzabbau zu kompensieren. Insgesamt haben die neuen Bundesländer bereits jetzt eine – schon viel zu lange anhaltende – Pause im Aufholprozess gegenüber dem Westen eingelegt. Prognos rechnet damit, dass bis 2005 das Wachstum schwächer bleibt als im Westen. Erst danach setzt der Aufholprozess wieder ein, allerdings ohne die richtige Dynamik. „Die Region Berlin-Brandenburg wird längerfristig im unteren Mittelfeld der Wachstumshitliste rangieren“, orakelt Prognos.

Nicht nur, weil beide Bundesländer eine vergleichsweise ungünstige Wirtschaftsstruktur haben. Schlimmer noch ist, dass die Region bisher ihr Potenzial nicht wirklich genutzt hat: In der technologischen Leistungsfähigkeit, die im August im Prognos-Technologieatlas deutschlandweit verglichen wurde, ist Berlin im Vergleich zur Erhebung des Jahres 2000 zurück gefallen. Hohe Potenziale bestehen nach wie vor in der Pharmabranche und der Biotechnologie, im Maschinenbau und der Elektrotechnik.

Im Medien- und Informationstechnikbereich sind die Forscher besser auf Berlin und Brandenburg zu sprechen: Berlin mit Adlershof, Brandenburg mit Potsdam sind Vorzeigeprojekte, die auch in den kommenden Jahren tragen werden. Dazu komme das Umland von Berlin, in dem sich die Kompetenzen in der Medizin- und Biotechnologie, in der Umwelt- und der Informations- und Kommunikationstechnik zusammenballen.

Hinzu kommt, dass sich die Region Berlin-Brandenburg als Wissenschaftsstandort etablieren konnte. Beispielsweise gibt es 47000 Studenten der Natur- und Ingenieurwissenschaften, rund siebzig Prozent mehr als in der Region München. Prognos warnt die Stadt, diesen Vorteil durch falsche Akzente beispielsweise in der Haushaltspolitik zu verspielen: Für dynamische Unternehmen sind Standorte, an denen es qualifizierten Nachwuchs vor der Haustür gibt, ein Standortargument. Gustav Greve, Prognos-Geschäftsführer sagt: „Wissen schafft Arbeitsplätze. Berlin muss die Wissensvorsprünge organisieren, die, übersetzt in Produkte, die Wettbewerbsfähigkeit sichern und Arbeitsplätze schaffen.“

Und: Es werden nicht die großen Unternehmen sein, die neue Jobs, Wachstum und neue Impulse in die Stadt bringen. Es werden die Kleinen sein. Gerade die aber leben von ihrem Networking, von dem Beziehungsnetz, in dem Informationen in Realzeit fließen und die eigene Flexibilität deshalb in finanziellen Erfolg umgemünzt werden kann. Allerdings werden sich diese Netzwerke nur dort bilden, wo die Politik günstige Bedingungen hierfür schafft, sei es durch den intensiven Dialog mit den Unternehmen oder sei es durch die gemeinsame Entwicklung von Leitbildern im Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft.

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