Berlin : Großmutter auf Abruf

Wellcome bietet Familien ehrenamtliche Unterstützung, wenn sie Nachwuchs bekommen haben

Katja Gartz

Luisa strahlt. Auf Mamas Arm ist es eben immer noch am besten. Doch das sieht die Mama manchmal anders: Wenn die fünf Monate alte Luisa schreit, gleichzeitig das Telefon klingelt und Bruder Robin Hilfe bei den Hausaufgaben braucht, wünscht sich Annette Herwegh oft sehnlichst jemanden, der ihr zur Seite steht. Hilfe hat die alleinerziehende Mutter jetzt bei der Initiative Wellcome gefunden. Dort wird Familien tatkräftige Unterstützung für die Zeit direkt nach der Geburt ihrer Kinder angeboten.

Wellcome arbeitet mit Ehrenamtlichen zusammen, vermittelt diese in die jungen Familien. Dort sollen sie den Eltern helfen, ihren neuen Alltag zu bewältigen. Mit dieser Nachbarschaftshilfe will die Initiative eine „Versorgungslücke“ schließen, von der viele Familien betroffen sind: Die Großeltern leben oft nicht in Berlin, und eine Freundin kann auch nicht immer einspringen, wenn mal schnelle Hilfe gebraucht wird. „Das Schlimmste ist, wenn man überfordert ist und sich alleine fühlt“, sagt Annette Herwegh. Ohne Hilfe wüsste die selbstständige Grafikerin oft nicht, wie sie Familie und Beruf bewältigen sollte. Allein der Gedanke, dass da noch jemand sei, den sie anrufen könne, helfe ihr sehr.

Und so verabredet sich Annette Herwegh regelmäßig mit Ruth Bork. Die pensionierte Fotografin spaziert dann mit Luisa im Kinderwagen durch Prenzlauer Berg und passt auf sie auf, wenn ihre Mutter mit dem zehnjährigen Bruder zum Zahnarzt geht. „Ich bin froh, dass es dieses Angebot gibt“, sagt die 42-jährige Mutter. So habe sie auch mal beide Arme frei, könne schnell mit dem Fahrrad etwas einkaufen oder kleinere Arbeiten am Computer erledigen.

Dabei profitieren beide Seiten von Wellcome. „Ich lerne Menschen kennen, die ich sonst nie treffen würde“, sagt Ruth Bork, die vor fünf Jahren von Cloppenburg nach Prenzlauer Berg zog. Die alltäglichen Hürden, mit denen Annette Herwegh zu kämpfen hat, kennt sie aus eigener Erfahrung. „Als Fotografin mit zwei kleinen Kindern hätte ich diese Unterstützung auch gern gehabt.“ An der Weddinger Carl-Krämer-Grundschule ist sie auch noch als Lesepatin aktiv.

Solche Erfahrungen waren 2002 auch der Anlass für Rose Volz-Schmidt, die Wellcome-Initiative als ein Projekt der evangelischen Familienbildung in Hamburg zu gründen. Im vergangenen Jahr wurde sie von der Schwab-Stiftung als „Social Entrepreneur 2007“ ausgezeichnet. Mittlerweile ist Wellcome bundesweit an über 50 Standorten vertreten.

Wellcome wolle einen Beitrag zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft leisten, sagt Rose Volz-Schmidt, selbst dreifache Mutter und Fachfrau für Familienbildung. Dazu kooperiere jedes Team mit einem lokalen Träger. In Berlin arbeiten diese seit dem vergangenen Jahr mit der Familienpflege des Nachbarschaftsheims Schöneberg und dem Verein Stützrad, einem Träger der freien Jugendhilfe, in Pankow zusammen. Neben einer Landeskoordinatorin organisieren Wellcome-Mitarbeiter in den Bezirken unbürokratisch die Einsätze der Ehrenamtlichen sowie deren Fortbildungen zur Säuglingspflege, zum Thema Kinderschutz und Erste Hilfe.

In Gesprächen prüfen die Koordinatoren zunächst, ob Ehrenamtliche für die Familienhilfe überhaupt geeignet sind. Wer diese Aufgabe übernehmen will, muss zumindest Erfahrungen im Umgang mit kleinen Kindern haben, es müssen aber nicht die eigenen sein. Die Einsätze der Freiwilligen dauern dann etwa drei Monate. In dieser Zeit sollen sie die jungen Familien entlasten. Anschließend steht dann der nächste Einsatz an. Doch nicht selten würden sich in dieser Zeit auch enge persönliche Kontakte zwischen den Familien und ihren Helferinnen entwickeln, sagt Rose Volz-Schmidt. Und diese seien nicht automatisch nach drei Monaten vorbei.

In Berlin werden derzeit rund 35 Familien von Wellcome unterstützt. Künftig will die Familienhilfe noch enger mit Geburtskliniken, Hebammen und Kinderärzten zusammenarbeiten. „Wenn Ärzte den Eindruck haben, dass eine Familie überfordert ist, können sie sich an uns wenden“, sagt Landeskoordinatorin Katja Brendel. Das Vivantes-Klinikum in Friedrichshain beispielsweise würde bei Informationsveranstaltungen regelmäßig auf Wellcome hinweisen. Doch für den Ausbau der Initiative würden noch weitere Freiwillige gesucht, sagt Rose Volz-Schmidt. Und das dürften gern auch ein paar Männer sein – bislang engagieren sich ausschließlich Frauen.

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