Berlin : Gründungsboom bei Ein-Mann-Betrieben im Handwerk

Zahl der Fliesenleger und Fensterputzer vervielfacht - Alteingesessene fürchten polnische Billigkonkurrenz

Sigrid Kneist

Berliner Handwerker fühlen sich zunehmend von Billigkonkurrenz bedroht. In einigen Branchen ist die Zahl der eingetragenen Unternehmen explosionsartig gestiegen. Dort ist seit Anfang 2004 nicht mehr der Meisterbrief notwendig, um sich selbstständig zu machen. Zudem können seit der EU-Erweiterung osteuropäische, vor allem polnische Ein-Mann-Unternehmen tätig werden. Die eingesessenen Unternehmen fürchten, durch Dumping-Preise vom Markt gedrängt zu werden.

Besonders dramatisch stellt sich aus Sicht der Handwerkskammer und der Innungen die Situation bei den Fliesenlegern dar. Innerhalb von einem Jahr verfünffachte sich die Zahl der in Berlin gemeldeten Unternehmen von 239 auf 1204. Dieses Phänomen wird bundesweit beobachtet. „859 dieser neuen Berliner Betriebe wurden ohne jede berufliche Qualifikation gegründet“, sagt Thomas Dohmen, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. Denn nach der Änderung der Handwerksordnung kann sich jeder als Fliesenleger niederlassen – unabhängig davon, ob er diesen Beruf schon einmal ausgeübt hat oder nicht. Dass der Meisterzwang weggefallen ist, bekommt offenbar auch die Gebäudereinigerbranche zu spüren. Hier hat sich die Zahl der Betriebe im vergangenen Jahr beinahe verdoppelt – von 407 auf 751. Der stellvertretende Obermeister der Innung, Martin Krüger, klagt ebenfalls über Dumpingpreise der neuen Konkurrenz, größtenteils der inländischen Mitbewerber. Er weist zudem darauf hin, dass die Ausbildung in Gefahr gerate, denn die neuen Ein-Mann-Unternehmen könnten keine Lehrlinge einstellen.

Estrich- und Parkettleger vermelden ähnliche Neu-Anmeldungen. „Wir sind verpflichtet, jeden in die Handwerksrolle einzutragen“, sagt Handwerkskammer-Geschäftsführer Dohmen. Davon hätten seit der EU-Erweiterung am 1. Mai reichlich polnische Ein-Mann-Unternehmen Gebrauch gemacht. Denn während für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Staaten keine Freizügigkeit gilt, können sich Selbstständige in Deutschland niederlassen. Dohmen und der Obermeister der Baugewerke-Innung, Klaus-Dieter Müller, haben die Erfahrung gemacht, dass Vermittler gleich mehrere Anträge auf einmal bei der Handwerkskammer abgeben. Oft tragen sie eine identische Adresse. „Die rücken in Kolonnen an“, sagt Müller. Und wenn sie dann gemeinsam auf einer Baustelle arbeiten, liege der Verdacht der Scheinselbstständigkeit nahe. In diesen Fällen reicht die Kammer die Daten an die Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Zoll weiter, die beim Kampf gegen illegale Beschäftigung federführend ist.

Billiger auftreten als eingesessene Handwerksbetriebe können Ein-MannUnternehmen allemal. Als Selbstständige sind sie nicht an die auf dem Bau geltenden Tarife und Mindestlöhne gebunden, die Unternehmen ihren Beschäftigten zahlen müssen. Während der Mindestlohn für gelernte Kräfte bei 12,47 Euro (10,36 Euro für Ungelernte) liegt, arbeiten Polen für fünf bis sechs Euro. „Da können unsere Unternehmen nicht mithalten“, sagt Müller. Dies führe dazu, dass Betriebe dichtmachen oder Leute entlassen müssen. Aber nicht nur Polen drängen auf den Markt. Auch deutsche Kleinstunternehmen bieten sich aus Sicht des etablierten Handwerks zu Dumping-Preisen an. Müller berichtet sogar von Fällen, in denen sich ein Neu-Unternehmer in 40 unterschiedlichen Gewerken in die Handwerksrolle hat eintragen lassen.

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