Gründungsjubiläum der Berliner Loveparade : Techno, marsch!

Vor 25 Jahren ließ die erste Loveparade den Kurfürstendamm erbeben. Aus dem Umzug der Raver wurde ein riesiges Festival, bis der Niedergang und die Katastrophe von Duisburg folgten. Was ist von dem Spektakel eigentlich geblieben?

von
Nur zum Spaß? Die Loveparade begann als Demo, verlor diesen Status aber 2001. Das Bild stammt aus demselben Jahr.
Nur zum Spaß? Die Loveparade begann als Demo, verlor diesen Status aber 2001. Das Bild stammt aus demselben Jahr.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Gerade mal rund 150 Freunde und Bekannte von Matthias Roeingh aus Spandau, besser bekannt als „DJ Dr. Motte“, tanzen vor 25 Jahren hinter einem Pritschenwagen mit großen Lautsprechern zu Techno-Beats über den Kurfürstendamm. „Friede, Freude, Eierkuchen“, heißt das Motto des als Demo angemeldeten kleinen Umzugs, Passanten staunen und schütteln die Köpfe. Niemand ahnt, dass diese Loveparade am 1. Juli 1989 der Ursprung eines weltweit beachteten Massenspektakels ist – aber auch nicht, dass dessen Geschichte im Jahr 2010 mit vielen Toten und Verletzten in Duisburg enden wird.

Als die erste Parade über den Ku’damm rollt, steht noch die Berliner Mauer. Vom heutigen Bau-Boom mit Hochhäusern wie dem „Zoofenster“ und dem künftigen „Upper West“-Turm können Stadtplaner nur träumen. Doch es gibt eine vielfältige Clubszene, zu den bekannten Vertretern gehören der „Dschungel“ in der Nürnberger Straße (heute ein Teil des Ellington Hotels) und das „Linientreu“ im Keller des Bikini-Hauses, das seit dem April dieses Jahres ein Einkaufszentrum ist.

Techno ist in den meisten Clubs damals noch ein Fremdwort, aber elektronische Musik wird aufgelegt – darunter House-Music, die deutschen Elektro-Pioniere von Kraftwerk oder Depeche Mode.

Aus Sicht vieler Raver war die Parade nie besser als am Ku'damm

Rund um die Musik-Laster der Loveparade vervielfachen sich die Teilnehmerzahlen. 1995, bei der letzten Parade auf dem Ku’damm, kommen 500 000 Menschen. Im Rückblick ist es für viele langjährige Besucher die beste Zeit. Die Bässe wummern wegen der reflektierenden Hausfassaden viel lauter als später im Tiergarten. Jeder Techno-Truck mit seinen Tänzern ist aufwendig geschmückt, auch die mitlaufenden jungen „Raver“ lassen sich modisch einiges einfallen.

Zum Ritual gehören Wasserpistolenschlachten. Einmal hat ein Sponsor große Wasserbottiche entlang der Strecke platziert, damit die Teilnehmer bei der Hitze ihren Durst aus Plastikbechern löschen können. Tatsächlich freuen sich vor allem die Wasserpistolenbesitzer, der ganze Boulevard wird nass.

Kehraus. Müllberge gehörten dazu, als das Spektakel immer größer wurde.
Kehraus. Müllberge gehörten dazu, als das Spektakel immer größer wurde.Foto: dpa

Für die Beamten geht es nur um Lärm

Der erste Rückschlag kommt 1995, als der damalige Innensenator Dieter Heckelmann (CDU) die Parade nicht mehr als Demonstration anerkennen will. Seine Beamten schreiben trocken von einer Fete, die „ihr eigentliches Gepräge durch den von ihr ausgehenden Lärm erhält“. Nun müssen die Veranstalter um Dr. Motte und die damaligen Chefs des „E-Werk“-Clubs mit hohen Kosten für Müllbeseitigung und Sicherheit rechnen.

Heckelmann wird zunächst von Senatskollegen zurückgepfiffen. Doch im Jahr 2001 degradiert die Justiz die Parade tatsächlich zum Straßenfest, das Bundesverfassungsgericht bestätigt ein Urteil des Berliner Oberverwaltungsgerichts.

1,5 Millionen Besucher sind der Rekord, doch auch der Streit nimmt zu

In der Zwischenzeit ist man 1996 auf die Straße des 17. Juni umgezogen, weil es auf dem Ku’damm zu eng wurde. Mit 750 000 Teilnehmern geht es im Tiergarten los. Der Höhepunkt wird 1999 mit bis zu 1,5 Millionen Menschen erreicht – zumindest nach der Zählung der Organisatoren, die Schätzungen der Polizei liegen stets niedriger. Bilder der friedlich und ausgelassen feiernden jungen Leute gehen um die Welt, Berlins Tourismuswerber sind begeistert über den „unbezahlbaren“ Imagegewinn für die Stadt.

Doch auch der Ärger wächst. Umweltschützer und das Bezirksamt beklagen die Schäden am Grün – von zerzausten Büschen über Müllberge bis hin zu enormen Urinlachen. Entlang der Strecke stinkt der Tiergarten tagelang. Gleichzeitig wird die Parade immer kommerzieller. Unzählige Werbeflyer werden von Musiklastern geworfen. Auf den Wagen tanzen zunehmend professionelle Go-Go-Girls und einmal eine Gruppe von Porno-Darstellerinnen.

Stilbruch. Im Jahr 2000 intonierte Gottfried Fischer Volkslieder auf der Parade. Später erzählte er von seltsamen Gefühlen und mutmaßte, man habe ihm Ecstasy ins Getränk gemischt.
Stilbruch. Im Jahr 2000 intonierte Gottfried Fischer Volkslieder auf der Parade. Später erzählte er von seltsamen Gefühlen und...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vom Raver-Umzug zum Volksfest

Im Jahr 2000 lässt der damalige Sender Freies Berlin (SFB) sogar den 72-jährigen Gotthilf Fischer auf einem Podium am Brandenburger Tor seine Volkslieder anstimmen. Aus dem Umzug der Raver ist ein Volksfest geworden. Nun stehen am Straßenrand ganze Familien, Biertrinker und angereiste Fußballvereine, die meist nur zuschauen statt zu tanzen oder wenigstens im Rhythmus mitzuwippen. Viele Männer begnügen sich damit, die leicht bekleideten jungen Frauen auf den Wagen anzuglotzen.

Die Berliner Club- und Musikszene hat sich bereits ab Mitte der 90er Jahre nach und nach zurückgezogen. Ab dem Jahr 2000 sinken die Besucherzahlen, große Sponsoren springen ab. Als auch noch der Demo-Status verloren geht und die Kosten steigen, macht die Veranstalterfirma Planetcom nur noch Verluste.

Loveparade 2006
130651_1_0001_02_060715_loveparade_ddp_14.jpgWeitere Bilder anzeigen
1 von 12ddp
29.07.2009 08:28Techno im Tiergarten: So wie 2006, bei der letzten Loveparade, soll es im 26. Juli wieder aussehen. Dann soll die B-Parade über...

2004 und 2005 fällt die Parade aus. Einmal noch kehrt sie 2006 in Berlin zurück. Aber unter dem neuen Hauptsponsor und Mitveranstalter, Rainer Schaller von der Fitnesskette McFit, sinkt die Stimmung weiter. So lässt Schaller die Techno-Trucks weitgehend einheitlich gestalten, der Anblick wird langweilig.

19 Kommentare

Neuester Kommentar