Berlin : Grüne: S-Bahn soll durch Fernbahntunnel rollen

Der Einsatz von speziellen Zügen wurde bereits vor acht Jahren vergeblich gefordert. Jetzt könnten sie zum Hauptbahnhof fahren

Klaus Kurpjuweit

Die Verkehrsexpertin der Grünen, Claudia Hämmerling, hat gestern erneut gefordert, den vorhandenen Fernbahntunnel zum Hauptbahnhof für den Nahverkehr zu nutzen und so eine Nord-Süd-Verbindung im S-Bahn-Netz zu schaffen. Der noch nicht einmal beschlossene Bau einer S-Bahn-Strecke vom Nordring zum Potsdamer Platz kann, wie gestern berichtet, nach derzeitigem Stand frühestens 2025/26 in Betrieb gehen – 20 Jahre nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs.

Möglich wäre ein S-Bahn-Verkehr aus dem Norden und Süden zum Hauptbahnhof durch den Einsatz eines so genannten Zwei-System-Fahrzeuges, das auf den Gleisen der S-Bahn und der Fernbahn fahren kann. Dazu benötigt ein Zug zwei Stromsysteme – für Gleichstrom aus der seitlichen Stromschiene, die es im S-Bahn-Netz gibt, und für Wechselstrom aus der Oberleitung des Fernverkehrs.

Ein solches Zwei-System-Fahrzeug könnte auf den Außenstrecken im Netz der S-Bahn und im Zentrum durch den Nord-Süd-Tunnel der Fernbahn fahren und damit den Hauptbahnhof mit fast einem Drittel aller S-Bahnhöfe umsteigefrei verbinden.

Die Grünen hatten bereits Anfang 2000 den Einsatz solcher Bahnen gefordert. Sie wollten so den östlichen Außenring, aber auch Orte wie Rangsdorf im Süden ins S-Bahn-Netz integrieren. Senat und Bahn sahen damals aber keinen Bedarf. „Wir haben eine technische Lösung, aber kein Problem, das damit gelöst werden müsste“, hatte der damalige Chef der S-Bahn, Günter Ruppert, argumentiert. „Jetzt haben wir ein Problem, aber keine Lösung“, sagt Hämmerling heute. Dass sich der Bau des neuen S-Bahn-Tunnels bis 2025/26 verzögern würde, war damals nicht abzusehen.

Technisch ist es kein großes Problem, Zwei-System-Fahrzeuge zu bauen. Sie fahren unter anderem bereits in Karlsruhe, Kassel oder Saarbrücken. Seit Dezember setzt auch die S-Bahn in Hamburg solche Züge ein. Hamburg hat dafür vorhandene S-Bahnen umgebaut. In Berlin könnte man dagegen vorhandene Wechselstrom-Züge, wie sie etwa im S-Bahn-Netz von München oder Stuttgart fahren, mit einem Gleichstromsystem ergänzen, hatte der Senat bereits Anfang 2000 erklärt. Wechselstrom-S-Bahnen sind bereits während der Fußball-Weltmeisterschaft durch den Fernbahntunnel zum Hauptbahnhof gefahren – allerdings jeweils nur von Südkreuz und Gesundbrunnen aus.

Ein Zwei-System-Fahrzeug könnte dagegen auch über S-Bahn-Gleise durch Mariendorf und Lichtenrade zum BBI-Flughafen in Schönefeld verkehren, und diesen schnell mit der Innenstadt verbinden – bis der Airport-Express auf der Dresdner Bahn fahren kann. Auch deren Aufbau, wird sich, wie berichtet, wahrscheinlich bis 2015 hinziehen.

Dass die Bahn bisher kein Interesse am Einsatz solcher Züge zeigt, begründen Experten mit der Furcht der Bahn, ein solch neues Angebot in einem Wettbewerb an einen Konkurrenten zu verlieren. Zudem wolle die S-Bahn ihre vorhandenen Fahrzeuge weiter einsetzen. Sie hat erst in den vergangenen Jahren für rund eine Milliarde Euro neue Züge erhalten.

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