Berlin : Grüne Welle

Der Botanische Garten wird 100 Jahre alt. Man kann Pflanzenpate werden und auf eigenen Wegen wandeln

Heidemarie Mazuhn

Er ist Steinbock und kommt seinen Fans meist komisch – im Fernsehen. Manchmal kommt er auch nach Berlin – hier hat Wigald Boning ein Patenkind, dessen Verwandte sich gern in Irland und Schottland herumtreiben. Der Pflegling des TV-Stars aber lebt im Botanischen Garten. Dort, links vom Wasserfall im Großen Tropenhaus, wächst üppig Trichomanes speciosum – so heißt der Borstenfarn, den der Grimme-Preisträger und Amateurbotaniker Boning sponsert.

Auch die Schauspielerin Suzanne von Borsody liebt den Botanischen Garten und sucht dort oft Ruhe und Erholung. Aus Dankbarkeit wurde sie deshalb Patin. Ihr Pflegling kommt aus Mexiko und hört auf den Namen Echinocactus grusonii – besser bekannt als Goldkugelkaktus oder Schwiegermuttersitz. „Das hören die Wissenschaftler aber nicht so gern“, sagt Brigitte Zimmer. Die Botanikerin leitet im Botanischen Garten die Öffentlichkeitsarbeit. Ein Höhepunkt steht ihr morgen bevor. Da gibt es einen Tag der offenen Tür – Anlass ist der 13. April vor 100 Jahren. Ein Ostermontag war es, an dem sich erstmals nachmittags die Türen zum neuen Botanischen Garten in Dahlem öffneten. Im Wesentlichen fertig wurde er 1904. „Eigentlich gibt es überhaupt kein richtiges Jubiläumsdatum“, sagt Brigitte Zimmer, „der neue Garten wurde stückweise übergeben.“

Der alte befand sich auf dem Gebiet des heutigen Kleistparks. Dort entstand 1679 auf Anordnung des Großen Kurfürsten ein landwirtschaftlicher Mustergarten, der sich zum Botanischen Garten entwickelte. 1888 litt er unter Platz-, Luft- und Lichtmangel, war er doch inzwischen von einem Häusermeer umschlossen. Ein neuer Garten sollte her, aber wo? Der damalige Kustos Ignatz Urban schlug die Domäne Dahlem vor. Das Gelände hatte er auf seinen Reitausflügen in die Umgebung entdeckt. Und dieses hatte einen bestechenden Vorteil: Die 42 Hektar Kartoffelacker waren staatlicher Besitz und bedurften keiner besonderen Geldmittel. 1897 setzte der Kaiser seinen „Wilhelm“ unter das Projekt – damit war der neue Standort beschlossene Sache. Richtig fertig war er erst 1910. Am 24. und 25. Mai wurden Botanischer Garten und Museum feierlich eröffnet.

Wie viel Besucher morgen durch den Eingang Königin-Luise-Platz oder Unter den Eichen in den Botanischen Garten pilgern werden, ist noch offen. Beim „Antrittsbesuch“ am Ostermontag 1903 waren es 2500. Damals herrschten noch strenge Sitten im Botanischen Garten – für Jugendliche unter 14 Jahren war er verboten und sonnabends ab 12 Uhr mittags immer geschlossen. „Gärtner und Pflanzen brauchen Ruhe“, war Direktor Adolf Englers Devise.

Diesen Luxus kann man sich heute nicht mehr leisten. Auch der Botanische Garten leidet chronisch an Geldmangel – allein der jüngste Winter und die desolate Heizanlage ließen im Tropenhaus 30 Glasscheiben platzen. Besucher allen Alters sind da täglich gern gesehen, die etwas spenden können, fast noch lieber. Dafür bekommt der Wohltäter auch etwas: Auf der gepachteten oder gekauften Parkbank steht sein Name, auch neben dem gesponserten Pflanzenkind. Die Liebe zu diesem muss einem schon etwas wert sein – unter 250 Euro gibt es keine Patenschaft.

Wer 60 Euro pro Quadratmeter investiert, kann seit neuestem im Botanischen Garten auch auf einem Weg seines eigenen Namens wandeln und für 150 Euro auch Ja sagen. Am 25. April trauen sich das wieder sechs Brautpaare im Mittelmeerhaus. 15 Glas Sekt zum Anstoßen und eine sinnig mit „Jelängerjelieber“ gestaltete Urkunde sind jeweils im Preis enthalten – und ringsum herrlichster Blütenflor, wenn es draußen vielleicht gerade schneit oder aus Kannen gießt.

Wer mehr wissen möchte – außer Führungen zu 16 Themen und 40 Angeboten gibt es morgen zum Tag der offenen Tür im Botanischen Garten auch viele Informationen. Nur das Wetter konnte Brigitte Zimmer nicht vorher planen.

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