Grüne Woche : Provinz von Welt

Auf dem Messegelände regiert in den nächsten neun Tagen das internationale Landleben. Ein Besuch im globalen Dorf.

Bernd Matthies
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Ferkel im Fernsehen. Der Westdeutsche Rundfunk machte schweinische Bilder auf der Grünen Woche. Foto: dpa/Krumm

Treiben lassen. Nichts denken, die schmerzenden Beine ignorieren, weiter die Stände entlang. Oder einfach sitzen bleiben? „Man kann einen Tag in dieser Halle verbringen“, droht der Anheizer mit der Kachelmann-Frisur, der an diesem ersten Vormittag der Grünen Woche Stimmung für Mecklenburg-Vorpommern machen muss. Doch das Frühstück liegt noch nicht sehr lange zurück, und für den Meckpomm-Triathlon – Bier, Wurst, Räucherfisch – ist es etwas früh, die Stimmung hängt wie eine Piratenflagge in der Flaute. Drüben bei den Brandenburgern haben sie schon mal das Landespolizeiorchester hingesetzt, die Schutzmänner schmettern was von Paul Lincke, dass den versammelten Templiner Küchenmeistern gegenüber fast das Salatdressing wegfliegt.

Ländlich-sittlicher war die Grüne Woche nie, und nie hat sie ihre neu gewonnene Provinzialität selbstbewusster ausgestrahlt. Deutschland und Osteuropa, ein paar Nachbarländer, der Rest ist Chinapfanne. Der Stand der Besamungsstation Neustadt/Aisch belegt ungefähr drei Mal so viel Platz wie die klägliche Hot -Dog -Station, mit der sich Dänemark repräsentiert, Italien zeigt sich als üppig sortiertes Salamilager, Griechenland als Tzatziki-Imbiss, da! Da ist Ikea, nein, es handelt sich doch nur um Schweden, einen der aufrechten Dauergäste der Ausstellung, der mit wenig Fisch und viel Tourismuswerbung vermutlich gleich bis zur ITB dableiben darf.

Gehen wir in die Vollen, die üppigen Darlegungen des Nährstandes, der mit Öko wuchert und mit Bio prunkt – und auch noch Zeit findet, Bedrohtes zu retten. 2009 ist es das Alpine Steinschaf, dessen Ahnen das Zaupelschaf und das neolithische Steinschaf sind; trotz des rassetypisch ausgeprägt asaisonalen Brunftzyklus’ tummeln sich zarte Jungschafe blökend ums Muttertier, man ist froh, dass ausgerechnet hier keiner der etwa 3000 anwesenden Küchenchefs seine Messer wetzt.

Eine ganze Halle ist dem deutschen Nationalgetränk gewidmet, dem Bier mit all seinen Ab- und Hintergründen. Ein aufbauendes TV-Quiz informiert den nach Qualifizierung lechzenden Amateurtrinker beispielsweise darüber, dass Irland viel weniger Braustätten besitzt als Deutschland, was einen nationalstolzen Gaffer zum Stoßseufzer „Die mit ihrem Guinness!“ veranlasst. Hysterisches Frauenkreischen durchschneidet die mild gehopfte Luft, es ist ein Mord passiert, nein, die Urheberin will nur ihre Riesen-Schmalzstullen für zwei Euro an den Mann bringen, doch dagegen wehrt sich eine andere Verkäuferin, die mit der Lautstärke eines landenden Jets Landjäger für 70 Cent anpreist, dagegen sind Käse-Paul und Aal-Fiete drüben beim Fischstand richtige Leisetreter.

Verkauft werden muss, das ist klar, denn das betagte Gerücht, man könne sich auf der Grünen Woche für lau durchfuttern, erweist sich erneut als haltlos. Alles kostet, und kritische Gäste geben alsbald auch die Hoffnung auf Schnäppchen auf: „Fünf Euro für vier Tüten Chips“ analysiert eine Besucherin, „das ist ja wie im Laden“. Bei anderen Produkten entfällt der Vergleich, etwa bei der „Weltbekannten Spezialität Wurst“ namens „Schwarzer Schuster“ aus Tschechien.

Da wir schon in Richtung Osten unterwegs sind: Russland ist wieder entsprechend seiner geopolitischen Machtfülle mit einer ganzen Halle präsent und zeigt Regionen, die in keinem deutschen Erdkundeunterricht vorkommen; kleine und große Oligarchen warten mit ihren hochhackig aufragenden Frauen auf Wladimir Putin. Weniger repräsentativ sind die Bedingungen bei den Kasachen, wo Musiker ihre schwerbrokatenen Kostüme im Gedränge gegen Kühlvitrinen drücken müssen, um Raum zum Zupfen und Fiedeln zu haben. Die Esten geben sich bodenständig: Zwei voluminöse Bäuerinnen offerieren Vollmilch-Käse mit Kümmel.

Erholung bietet auch die diesmal nach allen Seiten offene Blumenhalle, die aufwendige Panoramen zeigt, inspiriert von berühmten Blumenbildern. Zu Monets Seerosen hat ein Gestalter profane rote und weiße Rosen in einen Brunnenteich geworfen, es gibt filigrane Anpflanzungen und bunte Gemüsestillleben. Gleich ums Eck wartet der stille Höhepunkt jeder Grünen Woche: Jene zwei Koreaner, deren „Magic Säge“ alles zerlegt, was sich ihr in den Weg stellt. Erklärungen gibt es keine, die beiden reden unentwegt Koreanisch – und verkaufen trotzdem unablässig. So zeigt die Ausstellung wenigstens beim Sägen Weltformat.

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