Grüne Woche : Von wegen Feierabend!

Fellpflege, Fütterung, Fluchtversuche - fast 3000 Tiere leben während der Grünen Woche in den Messehallen: Was in den Ställen der Messe los ist, wenn die Besucher weg sind.

Katja Reimann
Grüne Woche
Abends versorgt Landwirt Hermann Maack seine Tiere. Welsh-Black-Bulle Sam wird gebürstet und gekrault. -Foto: Rückeis

Vor ein paar Nächten sind die Schweine abgehauen. Die drei gefleckten Tiere haben die Tür ihres Geheges ausgehebelt und sind raus, einfach so. Auch eine Bronzepute entflog nachts ihrem Käfig. Eigentlich dachte hier keiner, dass dieser große Vogel – offiziell die „Gefährdete Nutztierrasse 2008“ – so hoch und weit fliegen kann. Aber er kann. Jetzt liegt ein Gitter über dem Gehege. Am späten Dienstagabend herrscht in der Tierhalle 25 der Messe Frieden, keiner versucht auszubrechen, niemand macht Krach. Die letzten Besucher sind gerade gegangen, die Musik verstummt, nur die Lüftung wummert leise.

Es war ein langer Messetag und für Stallmeister Heino Schmidt, 35, ist die Arbeit auch jetzt noch nicht vorbei. 2994 Tiere – Bienen und Fische mitgezählt – leben während der Grünen Woche in Halle 25 und in einem Teil der Nachbarhalle 26. Und wie in einem großen Hotel will auch hier jeder etwas anderes: Die rosaroten Ferkel mögen es gerne warm, die Rinder kühler und für eine Sau mit Nachwuchs gibt es ein besonderes Futter. Mit zwei Handys und einem großen Walkie-Talkie hat Stallmeister Schmidt alles unter Kontrolle, dirigiert während der zehntägigen Messe an die 60 Tonnen Futter, Heu, Stroh und Sägespäne. Um 19 Uhr dimmt er das Licht – es ist Schlafenszeit.

„Wenn die Messebesucher weg sind, dann denken wir erst mal an unsere Tiere“, sagt Landwirt Peter Callegari, 61, und stützt sich auf seine Mistgabel. Gerade säubert er den Stall seiner fünf braun gefleckten Kälber. Schräg gegenüber krault Hermann Maack, 62, seinen großen Bullen Sam unterm Kinn. Wenn er Zeit hat, dann bürstet er abends auch das lange schwarze Fell seiner Welsh-Black-Rinder. Morgens wird Sam gewaschen und bekommt neue Löckchen gebürstet – eigentlich ist sein Fell nämlich glatt.

Hermann Maack reist mit seinen Tieren bereits seit 26 Jahren aus der Lüneburger Heide zur Grünen Woche. Sein Stolz sind „Heinrich der Sekundenkiller“ und „Turbopaula“, seine zwei „Rennschafe“, wie er sagt. Maack erzählt von legendären Schafsrennen und davon, wie er 1987 mit einer kleinen Kuh im Fahrstuhl auf den Funkturm fuhr. Geflunkert? Bei Maack weiß man es nicht so genau. Wenn die Tiere langsam einschlafen, die beiden braunen Schweine sich aneinander kuscheln und zufrieden grunzen, das Pony „Schneewittchen“ im Liegen müde die Nase ins Stroh stützt und sogar 1200-Kilo-Bulle „Vagabond“ langsam zu Boden sinkt und die Augen schließt, dann ist in der Tierhalle Zeit für Räubergeschichten: Hans-Martin Seidl vom Besamungsverein Neustadt wirft einen letzten prüfenden Blick auf seine beiden Zuchtbullen und entkorkt eine Flasche weißen Fleckviehwein. Am kleinen Tisch vor seinem Stand treffen sich nun alle auf ein Gläschen: Hermann, Peter, Heino, ein paar Stallhelfer und Uwe Kaftan, der heute schon zehn Stunden im Vorführring moderiert hat und zum Umfallen müde ist. Sie alle kennen sich seit Jahren und jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Von einer legendären Showquadrille mit 48 Rindern etwa oder vom Ritt auf Bullen, die in der Erinnerung und mit jedem Glas Wein immer größer, schwerer und gefährlicher werden.

Gegen 22 Uhr ist auch Heino Schmidts Arbeitstag vorbei und Nachttierarzt Andreas Riebel, 39, übernimmt die Aufsicht. Während der Nacht geht er stündlich durch die Halle, schaut, ob alle schlafen, und misst bei „Puschel“ Fieber. Das Kalb hat eine Lungenentzündung.

Die Tage auf der Messe sind für die Tiere und ihre Besitzer gleichermaßen anstrengend: Der Lärm, die vielen Besucher, das Showprogramm. Erst am Abend, bei gedimmtem Hallenlicht und Wein, scheint’s, als ob ein großer Seufzer durch die Halle geht: Es ist wieder geschafft – für heute.

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