Berlin : Grüner Kühlschrank im steinernen Häusermeer

Doppelt so groß wie der Tiergarten: City-Airport ist städtebaulich eine Herausforderung

Matthias Oloew

Es geht um kalte Luft. Ein Wiesenmeer an der Stelle, wo heute Flugzeuge in Tempelhof landen, soll dazu beitragen, dass das Klima in der Stadt erträglich bleibt. Deshalb sieht der mittlerweile acht Jahre alte Plan (siehe Grafik) der Stadtentwicklungsverwaltung für die Nutzung des Flugfeldes vor allem eine große grüne Fläche vor.

Aber es gibt Bedenken gegen dieses Vorhaben. Der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm zum Beispiel schlägt stattdessen vor, das große Areal des Zentralflughafens mit zwei Straßenschneisen zu teilen, um anschließend das Gebiet nach und nach stückweise zu entwickeln. Für ihn ist das Flugfeld eine Wunde im Stadtkörper. Andere wiederum, wie der Architekt Stephan Braunfels, haben sich in der bereits seit mehreren Jahren andauernden Debatte über das, was aus dem Flughafen Tempelhof werden soll, stets für eine Grünfläche eingesetzt. Mit dem Grün käme die einzigartige Architektur des Flughafengebäudes gut zur Geltung.

Für die Fachleute der Senatsverwaltung zählt die Freifläche des Flughafens zu den bedeutendsten Gebieten mit stadtklimatischer Bedeutung. Wichtiger sei in der unmittelbaren Innenstadt nur der Große Tiergarten. Eine Freifläche dieser Größe habe ein enormes mikroklimatisches Regenerationspotenzial, soll heißen: Wenn die dichte Bebauung sich sommers stark aufheizt, sorgen die Freiflächen für einen entsprechenden Ausgleich. Das wirke sich positiv auf das Bioklima aus und könne am Ende – als eine der erwarteten Folgen – auch die allergene Belastung in den dicht besiedelten Wohnvierteln drosseln. Würde das Tempelhofer Flugfeld komplett bebaut, erwarten die Experten, dass sich das Klima aufheizt und zu größeren Belastungen für die Einwohner führt.

Die Pläne der Stadtentwicklungsverwaltung sehen neben dem großen Wiesenmeer zwei markierte Grünschneisen anstelle der heutigen Landebahnen vor. Eine Bauminsel im nördlichen Bereich könnte gepflanzt, ein mehr oder weniger gestalteter Park als sogenannter Himmelsgarten im Süden angelegt werden. Die Grünfläche umgeben würden Bauflächen für Gewerbe und Sport (im Süden), Wohnen (im Osten und Norden), sowie Verwaltung und Dienstleistung im Westen (am Tempelhofer Damm). Die Freiflächen am denkmalgeschützten Flughafengebäude könnten für eine Ausstellung zum Thema Fliegen genutzt werden.

Was die Pläne der Verwaltung nicht sagen: Selbst dieses Programm ist eine Herkulesaufgabe. Die gesamte Fläche des Flughafens misst 386 Hektar. Zum Vergleich: Der Große Tiergarten ist 207 Hektar groß, das Daimler-Chrysler-Areal am Potsdamer Platz knapp sieben Hektar und galt in diesen Ausmaßen lange als größte Baustelle Europas. Wer diese enormen Entwicklungsaufgaben stemmen soll, ist völlig unklar. Daher hat Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) schon vor einem Jahr angekündigt, die Baupläne würden deutlich reduziert. Um Zeit zu gewinnen, setzt sie auf Zwischennutzungen. Eine Variante dafür könnte nach Auffassung von Manfred Herrmann, dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative Flughafen Tempelhof, so aussehen: „Ein großer Golfplatz wäre denkbar – so bleibt auch die Kühlschrankfunktion erhalten.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar