Berlin : Grüner Rekord und grauer Durchschnitt

Zwischen zwei Wahllokalen in Pankow liegen Welten. Rund um die Kastanienallee holten die Grünen 54,3 Pozent der Zweitstimmen. Der Berliner Durchschnitts-Wähler wohnt nur ein paar Kilometer weiter nördlich in Rosenthal. Der Ortsteil war früher Teil des Grenzstreifens

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Von Jörg-Peter Rau

Wenn man sich für einen Moment die Doppeldecker der LinieX21 wegdenkt, könnte man glauben, dies sei ein Dorf irgendwo in der Mark Brandenburg. Autos rumpeln übers Kopfsteinpflaster, auf dem Anger steht die Kirche, eingeschossige Häuser mit historisierenden Fassaden künden von einstigem Großgrundbesitz. Doch dann wandert der Blick weiter, über die Güterbahn und einen unbebauten Streifen, bleibt an den Betonklötzen des Märkischen Viertels hängen. In Rosenthal prallen Welten aufeinander – und doch liegt dort das Wahllokal, dessen Ergebnis dem gesamtstädtischen am nächsten kommt.

Während in Berlin die SPD 36,6 Prozent der Zweitstimmen bekam, erreichte sie im Wahllokal in der 13. Grundschule in der Kastanienalle ganz im Norden von Pankow 36,3. Bei der CDU lagen die Rosenthaler zwei, bei der PDS nur einen Prozentpunkt daneben. Nur bei den Grünen gibt es eine deutlichere Abweichung: Hier stimmten 14,6 Prozent für die Öko-Partei, dagegen 11,2 Prozent in ganz Berlin.

„Durchschnittlich sind wir hier deswegen nicht“, sagt eine Frau, die gerade mit Lust den Garten vor dem Eigenheim pflegt. Bis zur Wende war der nördlichste Teil Pankows Grenzgebiet, für die meisten unzugänglich. Ohne besondere Genehmigung durfte sich niemand der Mauer nähern, die direkt hinter den Grundstücken an der Hauptstraße verlief. „Jetzt haben wir hier den ganzen Verkehr“, sagt sie weiter – doch wegen der Grenznähe ist Rosenthal von riesigen Plattenbau-Siedlungen verschont geblieben und hat seinen fast dörflichen Charakter behalten. Und die Straßen tragen so rustikale n wie „An der Priesterkoppel“ oder „An der Vogelweide“. Zum Gebiet des Wahlbezirks036 im Bundestagswahlkreis77 gehören auch mehrere Kleingartenanlagen.

Die Straßenbahn 53 zuckelt auf ihrer eingleisigen Trasse am „Rosen-Eck“ vorbei und auf die Endhaltestelle zu. Es muss schon ein paar Jahre her sein, seit hier das letzte Pils ausgeschenkt wurde. Aber der Rosenstock steht noch in schönster Herbstblüte, und auf dem Kinderspielplatz gegenüber hebt ein Passant das eine Papierchen auf, das hier herumliegt. Dirk Schröder kann ein paar besonders originelle Stücke aus seinem Antik-Laden beruhigt auf dem Gehweg ausstellen, während er drinnen auf einem völlig verstimmten Klavier eine Bach-Fuge spielt. In der ehemaligen Kaufhalle ist jetzt eine „Plus“-Filiale untergebracht, der einzige Laden weit und breit.

Am Imbiss „Maxilmilian“ kennt der Chef seine Gäste, weiß, ob sie ihre Currywurst lieber mit oder ohne Darm wollen. Kinder spazieren in der Mittagssonne durch die Parkanlage an der Ecke Friedrich-Engels-Straße, zwei alte Damen mit Einkaufswagen halten noch ein Schwätzchen. Ein FDP-Wahlplakat wurde überklebt mit einem Hinweis, die Zahl 18 stehe laut Verfassungsschutzbericht für Nazi-Gedankengut. Niemand scheint sich daran zu stören, auch die neun Republikaner- und die fünf NPD-Wähler nicht.

Unpolitisch sind die Menschen in diesem ehemaligen Grenzland dennoch nicht: 64,5 Prozent der Wahlberechtigten machten sich am Sonntag auf den etwa 600 Meter langen Weg zum Wahllokal. Dazu kommen noch die Briefwähler – und heraus kommt – na was wohl: Durchschnitt.

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