Berlin : Grünes Berlin

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Ursula Weidenfeld über die Folgen des großen Fressens unterm Funkturm

Früher wurde Berlin zu einer anderen Stadt, wenn die grüne Woche ausbrach. Berliner marschierten mit runden Backen und riesigen Würsten unter dem Arm vom Messegelände in die Stadt. Omas und Enkel erzählten angeheitert von exotischen neuen Früchten wie der Kiwi. Der Toast Hawaii kam über eine einzige grüne Woche Anfang Januar in den fünfziger Jahren in die Stadt. Er wurde ergänzt vom überbackenen Camembert in den Siebzigern, den Tomatemit-Mozzarella-und-Basilikum-Orgien in den Achtzigerjahren.

Und heute? Der Niedergang der Grünen Woche? Papperlapapp. Es ist nur umgekehrt. Früher besuchte Berlin die Grüne Woche. Heute besucht die Grüne Woche Berlin. Menschen, die karierte Kappen oder grüne Lodenhüte auf dem Kopf tragen, laufen den Ku’damm rauf und runter und falten Falk-Pläne nach rechts und nach links. An der Austernbar in den Galeries Lafayette rätseln mittelalte Frauen „Kocht man sie oder brät man sie?“ In der Fressabteilung des KaDeWe rechnen Landwirtschaftslehrlinge in lauter Ratlosigkeit: „In einem Brötchen steckt Getreide für einen Cent, Hefe für einen Cent und Energie für zwei Cent. Wie kommt es dann, dass ... ?????“ Auf dem 17. Juni nehmen schwere Daimler langsam auf der mittleren Fahrspur Fahrt auf. Schlagen Haken. Und dieseln in einen Parkplatz auf der anderen Straßenseite. Berliner schütteln die Fäuste. Und stecken sie ganz langsam wieder ein, wenn die kernigen Männer in erdfarbenen Sympatex-Jacken, aus denen riesige Hände baumeln, aussteigen.

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