GRÜNES Rathaus (12) : Künast-Kolumne: Fashion Bitch

Was hätte Renate Künast als Regierende zu erzählen? Stefan Stuckmann erfindet ihre Briefe an die Wähler.

Stefan Stuckmann

Liebe Berlinerinnen, liebe Berliner,

als ich gestern im schwarzen Oberteil mit der Aufschrift „Fashion Bitch“ eine kleine Tour über die Bread & Butter gemacht habe, haben viele Besucher überrascht reagiert. Positiv überrascht. Im Gegensatz zu meinem sehr sitzlastigen früheren Job im Bundestag bin ich als Regierende Bürgermeisterin ja ständig mit meinem E-Bike unterwegs, um Probleme aus der Welt zu schaffen – mit dem Feuerlöscher neben brennenden Autos, mit dem Lötkolben im S-Bahn-Stellwerk oder mit viel Verständnis und Kabelbindern vor Neuköllner Schulen. Klar, dass das auch meinem Körper guttut. Und wenn Sie bisher dachten, Michelle Obama hätte tolle Oberarme, dann warten Sie mal ab, bis Sie die Fotos von mir in der nächsten „InStyle“ sehen.

Ich hab mich dann unauffällig unter das Fachpublikum gemischt und die Gelegenheit genutzt, um mich modemäßig auf den Stand von übermorgen zu bringen. Im Landesverband auf der Damentoilette liegt immer noch die „Vogue“ vom September 1987, und seitdem haben sich doch ein paar Dinge verändert. Schulterpolster zum Beispiel sind nicht mehr angesagt, die werde ich am Wochenende alle raustrennen und dem Roten Kreuz geben. Oder nach Bulgarien verkaufen, denn da haben die 80er erst vor zwei Jahren angefangen. Wiederverwertung und Nachhaltigkeit sind dieses Jahr übrigens auch in der Modebranche voll im Trend. Kaum ein Modeschöpfer, der nicht hinter vorgehaltenem Prosecco-Glas von einer Welt schwärmt, in der heimatlose Juchtenkäfer, minderjährige Baumwollpflücker und chinesische Wanderarbeiter befreit vom Druck globalisierter Kostenschrauben wieder Hand in Hand in den Sonnenuntergang laufen. Begeistert hat mich auch dieser Kreuzberger Nachwuchsdesigner mit seiner Hosenkollektion, komplett hergestellt aus alten FDP-Parteibüchern. Auch hier waren wir Grünen übrigens Vorreiter: Ich selbst trage seit bald zwanzig Jahren die Hemden von Claudia Roth auf: als Bettwäsche.

Nach einer schnellen Currywurst vom vegan ernährten Rind beginnt dann für mich der private Teil des Tages. Aber Sie wissen ja, wie das ist, mit Frauen und Hosen: 397 anprobierte Jeans später stelle ich fest: Ja, ich habe schwierige Beine. Es war wieder nichts dabei, aber egal, der Hosenanzug flattert immer so schön im Fahrtwind.

Zum Schluss habe ich Andi Baum noch einen schicken Kapuzenpulli gekauft – aus Bio-Wildseide. Dann hat er endlich mal was zum Wechseln. Leider wurde der Pulli nicht in Berlin genäht, sondern in Bangladesch. Aber, das habe ich mir versichern lassen, nicht von unterbezahlten Kindern, sondern von gelangweilten Zahnarztfrauen, die den Job sogar umsonst machen. Und jetzt sag noch mal jemand, Nachhaltigkeit sei teuer!

Bis bald, Ihre

Renate

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