GRÜNES Rathaus (14) : Künast-Kolumne: Im Knast

Was hätte Renate Künast als Regierende zu erzählen? Stefan Stuckmann erfindet ihre Briefe an die Wähler.

Stefan Stuckmann

Liebe Berlinerinnen, liebe Berliner,

gestern Abend hatte ich ein paar Stunden Zeit, weil ich die Freikarten für das Udo-Lindenberg-Musical zurückgeben musste. Schade, ich hatte mir den Hut schon rausgelegt und mir auch endlich die Texte draufgeschafft – die ersten fünf Mal hab ich mich immer geärgert, dass ich bei „Daumen im Wind“ nicht mitsingen konnte, dabei wird das doch der Titelsong für meine neue Carsharing-Initiative!

Ich habe die Zeit dann genutzt, um in der JVA Tegel nach dem Rechten zu sehen: Einige der Zellen sind so klein, dass sie gegen die Menschenwürde verstoßen, und ein paar der schweren Jungs bereiten schon Schmerzensgeldklagen vor – und wer weiß was noch! Bevor also nächste Woche die Landesflagge falsch herum über den brennenden Gefängnismauern weht, dachte ich mir: Fahr mal hin und bring selbst gebackene Kekse mit! Die kamen auch super an, wobei ich zugeben muss, dass es im Nachhinein nicht die richtige Botschaft war, dass ich den Herzchen-Ausstecher benutzt habe. Aber unter uns, so viele Komplimente an einem Abend habe ich lange nicht bekommen, da kann sich die Fraktion mal eine dicke Scheibe von abschneiden.

Im persönlichen Drei-Augen-Gespräch mit Acht-Finger-Mike habe ich mir das Problem dann aus nächster Nähe angeschaut. Weniger als sechs Quadratmeter haben manche Häftlinge zur Verfügung. Das würde man keinem Biohuhn zumuten, und selbst meine Yogamatte haben wir nur hochkant reinbekommen. Doch Raumknappheit ist nicht Mikes einziges Problem – auch von der Gentrifizierung werden er und viele Mitgefangene bedroht. Immer mehr junge, besser ausgebildete Insassen schnappen ihnen die begehrten Jobs in der Tütenkleberei weg und treiben die Preise für Konsumgüter hoch. Eine Schachtel Zigaretten ist allein im letzten Jahr vier Schälchen Nachtisch teurer geworden. Auch von den begehrten Zellen im Obergeschoss mit WC-Trennwand kann Mike nur träumen: Dort sitzen Wirtschaftskriminelle, die sich die Wärtercourtage von drei Insider-Aktien-Tipps noch leisten können.

Nachdem ich Mike versprochen habe, das Thema zur Chefsache zu machen, habe ich ihm zum Abschied noch meine kleine Nagelfeile geschenkt, weil er in zwölf Jahren, wenn er rauskommt, auf Bewerbungsgesprächen auch äußerlich einen guten Eindruck machen will. Sehr löblich, unterstütze ich gerne! Danach haben wir noch ein bisschen über Innenarchitektur diskutiert. Mike hat sich total dafür interessiert, wie ich meine Wohnung eingerichtet habe und hatte erfrischend viel Ahnung vom Möbelmarkt – ein toller Mann! Da sieht man wieder, dass Vorurteile oft nichts mit der Realität zu tun haben. Oh, jetzt muss ich kurz aufstehen, im Wohnzimmer rumpelt es gerade so komisch ...

Bis bald, Ihre

Renate

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben