GRÜNES Rathaus (16) : Künast-Kolumne: der Streik

Was hätte Renate Künast als Regierende zu erzählen? Stefan Stuckmann erfindet ihre Briefe an die Wähler.

Stefan Stuckmann

Liebe Berlinerinnen, liebe Berliner,

wenn Ihnen gerade die Druckerschwärze vom iPad auf die Finger abfärbt, dann liegt das daran, dass ich heute mit meinem Brief an Sie so spät dran bin, dass ich die Wörter dem Drucker jetzt quasi in den Setzkasten diktiere. Es ist kurz vor drei Uhr am Samstagmorgen. „Stoppt die Druckerpresse!“, habe ich gerufen, als ich vor fünf Minuten auf den blanken Felgen meines eBikes funkenschlagend in die Druckerei gerutscht bin. Wer hätte auch gedacht, dass ich in letzter Sekunde den BVG-Streik verhindere? Scherz beiseite: Wir alle wissen, ich hab schon ganz andere Sachen geschaukelt. Wenn Sie also gleich um halb sieben von einer Straßenbahn geweckt werden, die betrunkene Touristen laut klingelnd vor einer Zukunft ohne Beine warnt, dann drehen Sie sich vielleicht mit einem Lächeln noch mal um, nehmen Ihren Liebsten in den Arm und flüstern meinen Namen.

Trotzdem: Die BVG-Leute sind knallharte Verhandlungspartner. Erst stehen mein Verkehrssenator Andi Baum und ich eine halbe Stunde am Treffpunkt in der Kälte, bis überhaupt jemand kommt, dann finden die Verhandlungen auch noch in einem Bus statt: 18 Stunden lang Kreisverkehr auf dem Strausberger Platz. Ein gewieftes taktisches Manöver, zum Glück aber völlig wirkungslos – von meinem Fahrrad bin ich ganz andere Fliehkräfte gewohnt! Baumi dagegen wird bleich wie ein Blatt Papier. Kaum 30 Minuten sind um, als er mir sein Amt zur Verfügung stellt. In seiner Piraten-Naivität hat er nur einen Club-Mate und einen Puddingplunder gefrühstückt: So übersteht man vielleicht eine Counter-Strike-Party – aber doch keinen Tarifstreit! Ich lehne Baumis Rücktritt ab und lasse ihn am Heckfenster alleine, um auf dem Oberdeck Tacheles zu reden.

Voller Inflationsausgleich, das ist die Forderung der BVG-Angestellten. Ich lege noch mal drei Prozent drauf, wenn sich im Gegenzug alle dazu verpflichten, ihr Geld nur noch für Bio- und Vollwertprodukte auszugeben. Abgelehnt. Weil Vollkornbrötchen mehr krümeln als Toastbrot und dann den ganzen Tag die Uniform kratzt. Dann steht plötzlich ein Kontrolleur neben mir und will meine Fahrkarte sehen. Spätestens jetzt wird mir bewusst: Renate, das hier ist Krieg. Während ich murrend die 40 Euro Strafe zahle, lasse ich unauffällig das Konzeptpapier für die Städtepartnerschaft Berlin-Pjöngjang aus der Jacke rutschen. Ganz oben in der Vereinbarung: der Austausch von 800 Neuköllner Performance-Künstlern gegen 2000 nordkoreanische U-Bahnfahrer. Das Ganze war eigentlich als Aprilscherz für meine Piraten gedacht, aber siehe da: Zwanzig Minuten später sind wir uns einig. Es gibt 300 Euro Weihnachtsgeld zusätzlich, aber zweckgebunden für Holzspielzeug.

So, jetzt muss ich auch schon weiter, zur Hertha. Die Aufstellung machen ...

Bis bald, Ihre

Renate

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