GRÜNES Rathaus (7) : Künast-Kolumne: Der Rücktritt

Was hätte Renate Künast als Regierende zu erzählen? Stefan Stuckmann erfindet ihre Briefe an die Wähler.

Stefan Stuckmann

Liebe Berlinerinnen, liebe Berliner,

gestern hat mir Dirk Behrendt seinen Rücktritt vom Amt des Senators für Justiz und Verbraucherschutz angeboten, und ich habe seinem Wunsch entsprochen. In den vergangenen Tagen gab es wilde Spekulationen, aber ich wäre nicht die Renate, die Sie gewählt haben, wenn ich an meine eigene Regierung nicht die gleichen Maßstäbe anlegen würde wie in meinem alten Job als Verbraucherschutzministerin an die Fleischindustrie. Was Sie verdient haben, ist nichts anderes als die volle Wahrheit. Während ich das hier schreibe, bauen meine Koalitionspartner von den Piraten bereits die Webcam auf, stellen die Fenster auf Durchzug und fahren meinen Twitter hoch.

So. Und jetzt noch mal die ganze Geschichte: Dirk Behrendt war über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren Mitglied in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft, in deren Satzung die Bewohner sich darauf verständigt hatten, den häuslichen Kühlschrank nur mit Bio-Produkten aus regionalen Erzeugergenossenschaften zu bestücken. Am Montag tauchte dann unter einer losen Diele in Dirks altem Zimmer ein Schuhkarton mit Kassenzetteln eines Discount-Supermarkts auf. In einem kurzfristig anberaumten und von mir moderierten WG-Gespräch haben Dirks Ex-Mitbewohner Urte, Jorinde und Siggi ihn mit den Vorwürfen konfrontiert. Dirk hat zunächst glaubhaft versichert, die Belege noch nie gesehen zu haben, aber als Jorinde den Kassenbon mit genau jenem Tulpenzwiebel-Set „Amsterdam“ präsentiert hat, das Dirk ihr 2007 zum Geburtstag geschenkt hat, fiel seine Verteidigung zusammen wie die FDP.

Traurig, aber wahr: Weil ihm die zehn Minuten Umweg vom Abgeordnetenhaus zum Genossenschaftsmarkt zu viel waren, hat Dirk seine Bio-Produkte fast ausschließlich bei Lidl gekauft, seine Mitbewohner über die minderwertige Herkunft aber bewusst getäuscht. Jorinde prüft jetzt rechtliche Schritte gegen Dirk, denn ihr sechsjähriger Sohn leidet unter ADHS – möglicherweise eine Spätfolge von Bio-Äpfeln, die zu nah an herkömmlichem Obst gelagert wurden. Außerdem wurde 2006 ein UMTS-Sendemast auf dem Dach genau über der Gemüsetheke montiert – man muss kein Fachmann sein, um zu ahnen, welch leichtsinniges Spiel Dirk hier mit der Gesundheit seiner Mitmenschen gespielt hat. So jemand kann in meinem Senat nicht für den Verbraucherschutz zuständig sein. Und so jemand, das sage ich Ihnen im Vertrauen, wird zu meinem nächsten Geburtstag auch nicht mehr den Kartoffelsalat mitbringen. Ehrenwort.

So, und jetzt trinke ich noch das Fläschchen Schnaps, das mir ein netter Wähler gestern auf dem Weihnachtsmarkt geschenkt hat. Es gibt sie eben doch noch, die guten Menschen!

Bis bald, Ihre

Renate

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