Berlin : Grüße aus Balkonien: Da liegt Kreuzberg in der Toskana

Urlaub auf Balkonien - gibt es etwas Schönere

Urlaub auf Balkonien - gibt es etwas Schöneres? Berliner erzählen, wie sie die Ferien daheim verbringen.

Dieter Baumgartl, Hauswart, Kreuzberg. "Mein Balkon ist für mich die Toskana. Da war ich noch nie. Vor allem wegen Mausi, das ist meine Perserkatze, und die kann ich niemand überlassen. Also bleibe ich daheim, ist ja auch eine Geldfrage, nicht wahr. Seit drei Jahren arbeite ich als Hauswart, wo ich wohne. Die Häuser am Berlin Museum wurden zur Internationalen Bauausstellung 1985 übergeben, so lange wohne ich schon hier. Damals war ich noch in meiner alten Firma tätig, die Tabellierpapier für die Datenverarbeitung produzierte. 21 Jahre habe ich in dem Kreuzberger Betrieb gearbeitet. Nach dem Fall der Mauer war damit Schluss. Die Firma ging Pleite - statt bisher 47 000 sollte sie in der Charlottenstraße 1 plötzlich 87 000 Mark Miete zahlen. Da war ich dann mal arbeitslos, mal Fensterputzer oder sonstwas, jetzt bin ich eben Hauswart. Hauptsache, man kann sein Leben finanzieren. Hier möchte ich nie wegziehen. Etliche Mieter haben das gemacht, es wurde ihnen in den vergangenen Jahren zu multikulti. Hier wohnen Deutsche, vor allem aber Türken und viele Russen, auch Araber, na, eben quer durch die Welt. Ich komme damit klar, und vor allem im Sommer gefällt mir die Wohnanlage am besten. Da genieße ich meinen Balkon, der ist für mich dann das Wichtigste. Naja, nach Mausi und Maria Callas natürlich. Für die schwärme ich schon ewig, seit 1959. In meinem Schlafzimmer habe ich ein komplettes Callas-Archiv - es gibt buchstäblich keinen Pups von ihr, den ich nicht auf Platte, Kassette oder CD habe, tausende Aufnahmen. Ein Mal habe ich sie persönlich gehört - bei ihrem Abschiedskonzert 1973 in der Philharmonie. Wenn ich hier auf meinem Balkon sitze, irgendwas von der Callas aufgelegt habe und auf die Säulen und Skulpturen blicke - da fühle mich ganz weit weg, fast in der Toskana. Und die hat mich fast nichts gekostet. Balkonblumen brauche ich nicht, die würden nur das italienische Flair stören. Die weißen Säulen habe ich aus Glasfaser gemacht, und die Kapitelle habe ich modelliert und mit Gips ausgegossen. Die Skulpturen auf der Balustrade sind nicht von mir - sie stellen die vier Jahreszeiten dar. Der Herbst und der Sommer sind antik, über 100 Jahre alt, den Frühling und den Winter habe ich nachgekauft.

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