Berlin : Grundrecht auf Qualm

Umsatztief durch Rauchverbot in den Gaststätten? An Neuköllns Kneipen kann das nicht liegen

Thomas Loy

Der Sketch mit der Ordnungsamtkontrolle verpufft. „Ich kenne die doch alle“, sagt Abdul, der „Bierbaum“-Wirt mit den muskelbepackten Oberarmen. „Wir haben hier kein Rauchverbot.“ Bisher gab es deswegen keinen Ärger mit der Obrigkeit. Zwei tätowierte Kerle sitzen am Tresen, trinken Bier und rauchen. Eine Schachtel „Jin Ling“ liegt neben dem Aschenbecher. „Sind aus Thailand, steuerfrei.“

Das Rauchverbot in Kneipen wird im Schillerkiez im Neuköllner Norden munter ignoriert. Wirte und Gäste sind sich einig, dass dieses Verbot gegen die Grundrechte verstößt. Und gegen die Demokratie, denn Raucher stellen unter den Stammgästen Mehrheiten bis weit über 90 Prozent. Selbst die Nichtraucher-Minderheit ist gegen das Qualmverbot. „In der Kneipe gehört Rauchen dazu“, sagt Ex-Raucher und Marathonläufer Ralf Liebetruth. Wenn er die Raucher rausschmeißen würde, meint Abdul, könnte er den Laden dichtmachen. „Dann stehen meine fünf Angestellten und ich auf der Straße.“

Ab 1. Juli sollen Verstöße gegen das Rauchverbot mit Bußgeldern bis zu 1000 Euro geahndet werden. Bisher weiß niemand, wie das durchzusetzen ist. „Gegenwärtig können wir das vom Personal her gar nicht leisten“, sagt Sabine Heidrich-Joswig vom Ordnungsamt Neukölln. Die 20 Mitarbeiter hätte genug mit ihren Aufgaben in Parks und Grünanlagen zu tun. Wenn sie einen Hinweis erhalten, gingen sie ausnahmsweise mal in eine Kneipe, um den Wirt „aufzuklären“.

An der Tür zum „Allereck“ hängt ein Schild: „Club für Raucher“. Darunter, etwas kleiner geschrieben: „Auch Nichtraucher willkommen“. Vier große Bleikristall aschenbecher stehen auf dem hellen Tresen. Alle leer. Wirtin Dagmar bedient heute Abend einen einzigen Gast, Nichtraucher Harald, ein Neuköllner Tresen-Intellektueller. Harald, Mitte 50, sagt, er sitze gerne in einer Raucherkneipe. Viele Ex-Raucher würden sich abends ein bisschen Passivrauchen gönnen. Nur leider sind die rauchenden Gäste heute zuhause geblieben. Der Umsatz sei wegen des Rauchverbots schon zurückgegangen, beklagt Dagmar und zündet sich eine Zigarette an. Die Musikbox spielt Chansons, Piaf, „Je ne regrette rien“.

Jedem Gast wird im „Keglerheim“, Herrfurthstraße, gleich ein blauer Aschenbecher hingeschoben. Wirtin Nicole raucht, ihre Angestellte auch – und von den 30 Stammgästen? Nicole zählt ab: „Florian, Manne, Paul, die nicht“. Hinten spielen sie Dart – „Lutschpuppen“ gegen „Red Angels“ – und rauchen. „An der Linie darf aber nicht gepafft werden“, stellt Roger, ein junger Schlosser, klar. An der Linie werden die Pfeile abgeworfen. Da hat man für die Zigarette keine Hand frei.

Wirtin Nicole hofft inständig, dass sie das Rauchverbot wieder einkassieren, „sonst ist das hier bald vorbei“. Viele Dart-Vereine würden vor einem Spieltermin anrufen und fragen, ob sie denn auch rauchen dürften.

Im „Promenadeneck“ quellen die Aschenbecher über, aber die Diskussion ums Rauchen wird sich bald erledigt haben. Willi, der Wirt mit den zotteligen grauen Haaren, gibt das Geschäft auf, weil die Miete erhöht wurde und der Schnapsabsatz eingebrochen ist. Seine Gäste, darunter viele arbeitslose, gestrandete und vereinsamte Kettenraucher, werden eine Straße weiterziehen, in ein neues „Vereinsheim“ für die Dart-Mannschaften. Als Verein können sich Willis Gäste weiter unbehelligt ihre Lungenflügel teeren. Die Nichtraucherquote, rechnet der Wirt vor, liege unter zehn Prozent.

Bis zum Umzug schützt sich Willis Kneipenkollektiv mit dem Türschild „Geschlossene Gesellschaft“ gegen unangemeldeten Besuch. Nicht das Ordnungsamt macht ihnen zu schaffen, sondern „so ein privater Anti-Raucher-Verein“. Die seien einfach in seine Kneipe gekommen, erzählt Willi, und hätten Rabatz gemacht wegen der Qualmerei. Das möchte er nicht noch einmal erleben. Thomas Loy

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