Berlin : Grundschulen betteln um Lehrer – und gehen leer aus

Für 105 offene Stellen bisher nur 44 Anwärter. Qualifiziertere Kandidaten werden nicht genommen

Susanne Vieth-Entus

Die erste große Einstellungsrunde der Bildungsverwaltung hat nur zu einem Teilerfolg geführt: Für die 105 ZweidrittelLehrerstellen an Grundschulen seien bisher nur 44 Pädagogen gefunden worden, teilte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gestern mit. Da überhaupt nur 45 Bewerber aufgetaucht seien, habe die Verwaltung praktisch jeden nehmen müssen. Darunter seien auch Pädagogen mit der Abschlussnote vier und solche, die schon mal „wegen Nichteignung entlassen worden waren“, ergänzte die GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke. Die Bildungsverwaltung gibt sich unterdessen weiterhin zuversichtich, alle Stellen besetzen zu können.

„Was wir jetzt haben, ist doch nur die Bilanz einer Woche“, sagte Kenneth Frisse, der Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Er geht davon aus, dass weitere Lehrer gefunden werden. Im Übrigen sei es „illegal“, wenn die GEW die Kenntnisse aus den vertraulichen Personalratsgesprächen in die Öffentlichkeit trage.

Dieser Vorwurf machte keinen sonderlichen Eindruck auf GEW-Chefin Seggelke. „Ich fürchte mich nicht vor Herrn Zöllner“, sagte die Gewerkschafterin. Dieser liege falsch mit der Einschätzung, dass ihr Vorgehen „illegal“ sei. Die Informationen über den schleppenden Verlauf der Personalgespräche seien kein Geheimnis: In den Schulen werde offen über die schwierige Lage und den Nachwuchsmangel gesprochen. So habe es gerade eine Vorstellungsrunde gegeben, bei der 50 Grundschulleiter um 22 Bewerber im Fach Deutsch geworben hätten. Es sei zugegangen „wie auf dem Basar“. Die Rektoren hätten um die Pädagogen regelrecht „gebuhlt“, um eine Lehrkraft abzubekommen, und ihnen sogar günstige Stundenpläne versprochen, wenn sie zu ihnen kämen. Angespannt ist die Lage auch in Fächern wie Sport.

Nachdem jetzt offenbar die Listen der Grundschulbewerber, die nur ein Fach studiert haben, leer sind, wird sich Zöllner auch den Kandidaten zuwenden müssen, die zwei Fächer studiert haben und deshalb besser besoldet werden müssen. Bislang hatte die Behörde um diese Kandidaten aus finanziellen Gründen einen Bogen gemacht. So meldete sich jetzt beim Tagesspiegel eine junge Lehrerin mit den Fächern Sport und Geografie, die seit vier Jahren arbeitslos ist. Sie wäre sogar bereit gewesen, mit dem geringeren Gehalt für die sogenannten Ein-Fach-Lehrer anzufangen. Das aber ist besoldungsrechtlich nicht erlaubt. Die Folge: Die Lehrerin erhielt immer wieder Absagen.

Seggelke ist sich sicher, dass diese Zeit bald vorbei ist: Aufgrund des Mangels könne die Behörde gar nicht anders, als auch an Grundschulen die teureren Doppelfachlehrer einzustellen. Wenn auch das nicht reicht, wird sich Zöllner etwas einfallen lassen müssen. Die Opposition fordert, dass nun die wesentlich attraktiveren Vollzeitstellen angeboten werden sollten, um junge Lehrer zu gewinnen.

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