• Grundschulen müssen Fachlehrer abgeben Keine Qualitätsverbesserung in Sicht: Schulverwaltung möchte geringer qualifizierte Pädagogen unterbringen

Berlin : Grundschulen müssen Fachlehrer abgeben Keine Qualitätsverbesserung in Sicht: Schulverwaltung möchte geringer qualifizierte Pädagogen unterbringen

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Von Susanne Vieth-Entus

Die ohnehin unter Fachlehrermangel leidenden Berliner Grundschulen müssen mindestens 200 ihrer qualifiziertesten Kräfte abgeben. Das Landesschulamt will zum kommenden Schuljahr die Personallücken in den Oberschulen auf Kosten der Grundschulen füllen. Diese erhalten dafür Pädagogen aus dem Ost-Teil, die kein Fachstudium absolviert haben. Schulleiter und Eltern sind gleichermaßen empört.

Betroffen sind vor allem die Schulen, die sich Dank vieler Fachlehrer ein anspruchsvolles Profil aufgebaut haben. So soll die Frohnauer Victor-Gollancz-Grundschule bis zu zehn ihrer 34 Lehrer abgeben. Schulleiterin Gudrun Borchert sieht dies als „Katastrophe“. Denn gerade diese Lehrer sind es, die die Leistungsdifferenzierung in den Klassen 5 und 6 tragen – einer der Pfeiler der Grundschulreform. „Unsere mühselig aufgebaute Qualitätsarbeit wird zerschlagen“, befürchtet Elternvertreterin Anne Sonntag-Büsing.

Das Landesschulamt will rund 220 so genannte Lehrer unterer Klassen („LUK-Lehrer“) nach den Sommerferien umsetzen. Rund die Hälfte kommt aus Marzahn, wo der Schülerrückgang zu vielen Schulschließungen führt. Diese LUK-Lehrer waren zur DDR-Zeiten in den vierjährigen Grundschulen tätig. Sie absolvierten kein fachwissenschaftliches Studium, Abitur war nicht Voraussetzung. Anders in der Bundesrepublik: Hier war und ist ein Fachstudium Pflicht.

Nicht nur die Grundschulen sind empört über das drohende Versetzungskarussell. GEW-Vorstandsmitglied Dieter Haase warnt, die Grundschulen weiter zu schwächen. Er verweist auf viele Schulen, die schon jetzt kaum noch Sport- oder Musiklehrer haben. Ein noch größeres Problem sind die Fremdsprachen. Es ist völlig unklar, wie der große Bedarf an Englisch- und Französischlehrern gedeckt werden soll, wenn künftig alle 480 Grundschulen bereits in der dritten Klasse mit Fremdsprachen beginnen. Denn der riesigen Pensionierungswelle, die auf die Schulen zurollt – jeder dritte Lehrer geht bis 2011 in den Ruhestand – steht eine geringe Zahl von Uniabsolventen gegenüber.

Dies bestreitet auch die schulpolitische Sprecherin der SPD, Felicitas Tesch, nicht. Aber sie verweist darauf, dass sich die LUK-Lehrer inzwischen fast alle fortgebildet haben. Und sie hält es aus finanziellen Gründen für undenkbar, neue Lehrer einzustellen, solange hunderte LUK-Lehrer im Überhang sind. Ebenso wie CDU-Bildungsexperte Stefan Schlede und die schulpolitische FDP-Sprecherin Mieke Senftleben schlägt sie aber vor, die LUK-Lehrer in Richtung „Deutsch als Zweitsprache“ fortzubilden, damit sie an den Grundschulen mit hoher Ausländerrate eingesetzt werden können.

Im Übrigen warnen alle drei davor, das Profil von Grundschulen kaputt zu machen und plädieren dafür, pro Schule lediglich ein oder zwei Lehrer abzuziehen. Nur „begrenztes Verständnis“ hat Tesch allerdings für die „Abwehrhaltung“ der Lehrer, die an Oberschulen versetzt werden sollen. Schließlich könne man sich „auch im Staatsdienst nicht alles aussuchen“.

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