Grundsteinlegung in Berlins Mitte : Der lange Weg zum Stadtschloss

Ob es ohne ihn je so weit gekommen wäre mit dem Humboldtforum? Am morgigen Mittwoch ist dessen Grundsteinlegung. Wilhelm von Boddien steht dafür ein, dass das Gebäude wie früher aussehen wird. Indem er es auf Gerüstplanen malen ließ, landete er seinen größten Coup.

von
Eine Simulation des Berliner Stadtschlosses: So wie es hier auf die Planen gedruckt ist, soll es aussehen, wenn es fertig ist.
Eine Simulation des Berliner Stadtschlosses: So wie es hier auf die Planen gedruckt ist, soll es aussehen, wenn es fertig ist.Foto: AFP

An einem leeren, hoffnungslosen Tag stand ein Hamburger Schüler in der fremden, leeren, hoffnungslosen Mitte einer fremden, leeren, hoffnungslosen Stadt. Er wollte einen Wandzeitungsartikel über diese Mitte schreiben, denn er war der „politische Redakteur“ der Wandzeitung. Aber er fand: nichts.

Der Horror Vacui griff nach dem Jungen und wollte ihn verschlucken. Da fragte er einen der fremden, leeren, hoffnungslosen Menschen, die diese Stadt zu bewohnen schienen und erfuhr: Hier stand einmal das Berliner Schloss, der größte Barockbau nördlich der Alpen, und einer der schönsten dazu. Aber das Letzte sagte der alte Berliner dem Hamburger Schüler nicht mehr. Vielleicht hatte er selber es auch schon vergessen.

„Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.“ Das hat nicht der frühere Wandzeitungsredakteur Wilhelm von Boddien gesagt, sondern Alexander von Humboldt. Aber niemand hätte ein größeres semantisches Recht auf diesen Satz, zumal wenn er die Reihe der zu verblüffenden Personen um seine eigene ergänzt. Dass man sich selbst so überraschen kann!

Schlossherr. Wilhelm von Boddien, 71, kämpft seit Jahren für das Humboldtforum.
Schlossherr. Wilhelm von Boddien, 71, kämpft seit Jahren für das Humboldtforum.Foto: Carsten Koall/VISUM

Wilhelm von Boddien ist der Mann zum Schloss. Der Mann vor, hinter, über und neben dem Schloss. Er nicht zuletzt hat mitentschieden, was Journalisten auch „den Kampf um die Mitte Berlins“ nannten. Journalisten haben wenig Neigung zum Dezenten, es ist kein wirklich aristokratischer Berufsstand. Wie sie ihn angetitelt haben: „Anführer der Schlossfälscherbande“, „Berliner Schloss-Amateur“, „peinlichster Berliner“ oder schlicht „das Schlossgespenst“.

In einer Stunde sei er hier fertig!, ruft Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., mit Blick auf sein Gegenüber ins Telefon, und dann gehe er bis nach ganz oben im Senat. Wilhelm von Boddien sitzt in der Humboldt-Box, dort hat er ein kleines Büro. Was das denn heißen solle, die Polizei lehne es ab, am 16. Juni die Liebknecht-Straße zu sperren? Tausende werden kommen, um den Grundstein des Schlosses anzufassen, da sei er sicher. Ganz sicher. Und die Polizei weigere sich? Aber nicht mit ihm, und nicht am „Tag der offenen Schlossbaustelle“!

Viel eher, morgen schon, wird der Bundespräsident in Abwesenheit des Volkes einen Sandstein des alten Schlosses zum Grundstein des neuen machen. Zuletzt war es Wilhelms Schloss gewesen, bis 1918. Zwei Kriege und eine schwere Bombennacht später war es fünf Jahre lang fast weg. Danach war es 63 Jahre ganz weg, denn die DDR ließ es sprengen im November 1950. Aber ab morgen wächst es wieder: Wilhelms Schloss. Das Schloss des Wilhelm von Boddien, vormaliger Landmaschinenhändler, Insolvenz 2004.

Eigentlich stellt man sich einen früheren Treckerverkäufer und Mähdrescherpropagandisten anders vor. Ein leiser Ruck geht durch den Abkömmling alten mecklenburgischen Landadels, als er das Nicht-mit-mir!-Telefonat beendet. Von Boddien weiß, dass er jeden Augenblick des Jähzorns mit drei Stunden Reue bezahlt. Dann erinnert er sich jedes Mal an seine Großmutter, die in Zeiten bitterster Nachkriegsnot – Vermögen weg, Gut weg, alles weg – mit unfassbarer Würde und Haltung zu ihrem Enkel gesagt hatte: Contenance, mein Lieber! Immer: Contenance! Pflicht! Disziplin! Das prägt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

19 Kommentare

Neuester Kommentar